"Als du nicht da warst, hielt unsere Liebe mich fest"

mein 1. Roman

                            

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 Ich spüre, wie eine Hand leicht über mein Gesicht streichelt. „Nell?“, fragt Toni ganz leise.

 „Nein, ich schlafe noch“, flüstere ich zurück und ziehe die Decke bis fast über die Ohren.

 „An meinem ersten Urlaubstag mache ich uns ein schönes Frühstück. Ich fahre nur schnell zum Bäcker, bin gleich wieder da“, meint Toni mit gedämpfter Stimme.

 Ich spüre noch einen zarten Kuss auf meiner Wange und im nächsten Moment höre ich, wie die Zimmertür sich leise schließt. Ich schaue auf die Uhr, die auf dem kleinen Schränkchen neben meinem Bett steht. Es ist gerade 8 Uhr. Noch ein paar Minuten, denke ich mir, drehe mich zur Seite und kuschle mich noch einmal ins Bett. Als ich das zweite Mal auf die Uhr sehe, ist es schon kurz nach halb 9. Alles ist absolut still im Haus. Ich schiebe meine Beine aus dem Bett und stehe auf. Als ich mir den Morgenmantel überziehe, schaue ich noch einmal auf die Uhr. Toni müsste längst wieder da sein, geht es mir durch den Kopf, aber vielleicht sind zum Sonnabend auch viele Menschen beim Bäcker. Noch halb verschlafen und die Augen fast zu stapfe ich hinunter in die Küche. Als Erstes brauche ich einen guten Kaffee. Der kann durchlaufen, bis Toni kommt „denke ich“. Ich fülle die Maschine mit allem, was nötig ist, und drücke den Knopf. Nichts! Noch einmal schalte ich ein und aus, aber es passiert nichts. „Na toll“, denke ich mir, jetzt ist die Maschine wohl kaputt. Der Urlaub fängt ja gut an. Ich probiere es noch einmal, wieder vergebens. Ich drehe mich um und gehe auf die Terrasse, um kurz abzuschalten und zu überlegen, wie ich nun zu meinem Kaffee komme. Die Sonne scheint herrlich. Sie blinzelt durch die Blätter unserer großen Kastanie. Es ist ein Prachtstück und steht genau in der Mitte unseres kleinen Gartens. Ich hole meine Stuhlauflagen aus der Box und mache es mir in meinem großen Liegestuhl bequem.  Kaum sitze ich, habe die Augen geschlossen, um die Sonnenstrahlen auf der Haut zu genießen, da wird es dunkel und auch die wohlige Wärme ist verschwunden. Ich sehe in den Himmel und bemerke, dass eine ziemlich dunkle Wolke die Sonne verdeckt.

 „He, was soll das, geh da weg“, murmle ich für mich. Der Himmel ist überall strahlend blau, nur die eine Wolke wirft ihren Schatten auf unsere Terrasse. Langsam stehe ich auf, mein Blick geht grimmig zum Himmel. Meine Schultern hängen merklich nach unten, wie ein kleines beleidigtes Kind gehe ich zurück in die Küche. Dort hole ich das Tablett vom Küchenschrank, stelle es auf die Arbeitsfläche neben der Spüle und stelle alles darauf, was zu einem guten Frühstück gehört. Honig, Erdbeermarmelade, Butter, Milch und Zucker. Aus dem Oberschrank nehme ich unsere Lieblingstassen heraus. Die haben wir zu unserem ersten Hochzeitstag von Kim geschenkt bekommen und passen genau zu uns. Beide Tassen sind etwas unförmig, aber genau so, dass sie wieder zusammenpassen. Auf der einen steht Ich und Du und auf der anderen Du und Ich. Ich stelle sie mit einem Lächeln auf den Lippen auf das Tablett und versinke in Erinnerungen.

 Kim ist meine beste Freundin und sie war auch unsere Trauzeugin. Ihr Mann Ben ist, wie soll es anders sein, der beste Freund von Toni. Wir vier bilden ein gutes Team, sind immer füreinander da und machen fast alles gemeinsam. Wir spielten schon im Sandkasten zusammen und gingen alle in die gleiche Schule. Auch später, während der Berufsausbildung, verloren wir uns nicht aus den Augen. Toni lernte in Leipzig, Ben in Berlin und ich in Chemnitz. Nur Kim blieb der alten Heimat treu. Jetzt wohnen wir wieder zusammen in Dresden. Nun sind wir alle Ende zwanzig, verheiratet und es haben sich zwei kleine Familien gebildet, allerdings noch ohne Kinder.

 Toni ist erfolgreich in einem Immobilienbüro als Makler tätig und ich habe eine feste Stellung in einem Architektenbüro als Bauzeichnerin. Wir kauften uns vor zwei Jahren dieses kleine Haus in einem ruhigen Stadtteil, etwas abseits vom Trubel der Großstadt. Das Anwesen gefiel uns damals auf Anhieb. Es ist zwar räumlich nicht gerade groß, aber für uns zwei einfach perfekt. Kim und Ben wohnen zwei Straßen weiter. Sie hatten letztes Jahr das Haus von Kims Großmutter geerbt. Kim jobbt nebenbei in einem Drogeriemarkt und Ben ist Angestellter in unserer kleinen städtischen Bank. Jeder von uns hat nun sein eigenes Reich, aber alle sind auch immer offen für die anderen.

 Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als mir eine der Tassen fast aus der Hand rutscht. Vor Schreck bin ich plötzlich putzmunter und stelle die Tasse auf dem Tablett ab. Vorsichtig nehme ich nun das Tablett und bringe es auf die Terrasse. Ein Blick nach oben genügt und ich bin wieder leicht verärgert. Die Wolke ist immer noch da. Ich schaue an mir herunter und bemerke, dass ich noch immer im Morgenmantel bin. Auf dem Rückweg drücke ich in der Küche nochmals die Ein-Taste der Kaffeemaschine, aber es ist zwecklos, es passiert nichts. Ich schüttele den Kopf und laufe die Treppe hinauf. Im Schlafzimmer angekommen, fliegen meine Augen nochmals über die Uhr neben meinem Bett. Es ist nun schon 9 Uhr. Wo bleibt denn Toni, es wird doch wohl nichts passiert sein? Ich wische die Gedanken schnell wieder aus meinem Kopf und lasse den Morgenmantel langsam über die Schultern hinabrutschen. Ich nehme die Jeans, die auf dem Schaukelstuhl liegt, und hänge den Mantel über die Lehne. Echt praktisch, der Schaukelstuhl ist wie ein Kleiderständer. Wenn das meine Schwiegermutter wüsste. Sie hatte ihn uns zum Einzug geschenkt, weil sie von Toni wusste, dass ich mir schon immer einen gewünscht habe. In meinem Kinderzimmer hätte ein solches Teil damals nie Platz gehabt und deshalb war es das perfekte Geschenk für mich. Er sollte eigentlich im Wohnzimmer stehen, doch dort nehmen die anderen Möbel sämtlichen Platz ein. Wie gesagt, unser Häuschen ist wirklich nicht das größte. Letztendlich kam er ins Schlafzimmer und da hat er mehrere Funktionen. Nicht nur als Kleiderständer wird er benutzt. Für mich ist er auch ein Ruhepol nach der Arbeit. Ich sitze gern darin, einfach zum Abschalten, oder ich lese ein Buch. Toni platziert sich nachts darin. Er kann in letzter Zeit nicht gut schlafen und dann sitzt er da, hört über Kopfhörer Musik und beobachtet mich beim Schlafen. Ich merke es immer erst früh, wenn mein Nachtlämpchen aus ist. Ich schlafe oft bei Licht ein, schon seit meiner Kindheit. Woher das kommt, weiß ich nicht, auch meine Mutter konnte mir darauf nie eine Antwort geben. Es ist eben so. Toni hat sich damit abgefunden. Ihn stört es nicht, aber wenn er nachts im Schaukelstuhl sitzt, ist morgens das Licht aus. Er löscht es, wenn er wieder ins Bett geht.

  Ich ziehe meine Jeans an, hole aus dem Schrank ein T-Shirt, streife es über und verlasse das Schlafzimmer. Unten im Badezimmer stecke ich meine Haare hoch, putze mir die Zähne und wasche mein Gesicht. Gerade, als ich mit dem Handtuch mir das Gesicht abtrockne, knallt es. Es ist ein fast unerträglich klirrendes Geräusch. Augenblicklich schlägt mein Herz bis zum Hals und ich spüre, wie mein Blut zu gefrieren droht. Zitternd lasse ich das Handtuch fallen. Das, was ich sehe, ist fast unmöglich. Der Spiegel sieht aus wie ein Spinnennetz, als hätte jemand mit der Faust darauf eingeschlagen. Ich sehe mich plötzlich fast hundert Mal und bemerke, dass nicht ein Splitter herausgefallen ist. Ich wage mich nicht zu bewegen, denn ich will nicht riskieren, dass sich die Scherben auf dem Boden verteilen und ich mich vielleicht noch verletze. Ich stehe wie angewurzelt da, die Zeit hat momentan keine Bedeutung mehr. Als ich in meinen Beinen wieder einigermaßen Stabilität spüre, schleiche ich langsam, ohne den Spiegel oder das, was davon noch übrig ist, aus den Augen zu lassen, aus dem Bad. Ich schließe die Tür, taste mich zur Couch und setze mich am ganzen Körper zitternd hin. Was ist hier nur los, warum passieren nacheinander solche merkwürdigen Dinge? Ich denke mir noch, dass irgendetwas nicht stimmen kann, als es an der Tür klingelt. Nach dem ersten Schreck frage ich mich, warum Toni klingelt. Hat er die Schlüssel vergessen? Das ist nicht seine Art, das ist doch noch nie vorgekommen. Es läutet ein zweites Mal, ich stehe auf und gehe zur Haustür.

 „Moment!“, rufe ich, denn ich muss erst meinen Schlüssel aus der Tasche holen. Mit zitternden Händen schließe ich auf und öffne die Tür.

 „Seit wann vergisst du deinen Schlüssel?“, frage ich und im gleichen Moment erschrecke ich und kann nur noch nach Luft schnappen. Vor der Tür steht nicht Toni, stattdessen schaue ich in die Augen einer düster dreinschauenden Polizistin.

 „Guten Morgen. Ich bin Oberwachtmeisterin Fischer und das ist mein Kollege Wachtmeister Böhme. Sind Sie Frau Hausmann?“, fragt die Beamtin dann doch sehr freundlich.

 „Ja“, kommt es ganz leise über meine die Lippen.

 „Frau Hausmann, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann einen Unfall hatte“, sagt der Polizist, der zwei Stufen weiter unten auf der Treppe steht.

 „Toni Hausmann ist doch Ihr Mann?“, fragt wieder die Frau und ich sehe ihr an, wie aufmerksam sie mich beobachtet. Ich bin mir sicher, dass sie sofort bei mir wäre, wenn ich jetzt die Fassung verlieren würde.

 „Ja. Aber er wollte doch nur zum Bäcker und der ist doch gleich hier um die Ecke“, flüstere ich so leise, dass die Polizistin noch ein Stück näher kommt. Ich bin ja froh, überhaupt noch reden zu können, denn mein Hals ist so zugeschnürt, dass kaum noch Luft durchdringen kann. Sie legt mir die Hand auf die Schulter und sieht mich mit einem beruhigenden Blick an.

 „Frau Hausmann, wir würden Sie gern ins Krankenhaus zu Ihrem Mann bringen“, meint der Polizist mit leiser Stimme.

 „Aber was ist denn passiert? Wie geht es Toni? Wo ist er? Warum hat er mich denn nicht angerufen?“, ich finde meine Sprache wieder und mir sprudeln alle Fragen, die in meinem Kopf sind, auf einmal heraus.

 „Wie mein Kollege schon sagte, Ihr Mann ist im Krankenhaus. Er konnte sie nicht mehr anrufen. Ich glaube, er ist ziemlich schwer verletzt“, sagt die Polizistin.

 „Das kann doch jetzt alles nicht möglich sein. Erst passieren mir die merkwürdigsten Dinge und jetzt stehen Sie hier“, ich senke den Kopf und hoffe wahrscheinlich, dass ich noch träume, aber so ist es nicht. So wie die Polizistin mich ansieht, versteht sie meine Worte nicht, sie schaut kurz zu ihrem Kollegen, zuckt mit den Schultern und sagt nur noch: „Wir bringen Sie jetzt zu Ihrem Mann.“

 Wie ein Roboter drehe ich mich um, greife nach meiner Tasche, die an der Garderobe hängt, und stehe auch schon mit dem Schlüssel in der Hand vor der Tür.

 „Frau Hausmann, ich glaube, Sie sollten sich noch ein paar Schuhe anziehen“, über das Gesicht der Polizistin fliegt ein Lächeln. Ich schaue an mir herunter und merke erst jetzt, dass ich immer noch barfuß herumlaufe.  Das ist eine Angewohnheit von klein auf, die ich mir einfach nicht abgewöhnen kann. Ich gehe noch einmal zurück, schlüpfe in meine Sandalen und im nächsten Moment drehe ich schon den Schlüssel in der Tür. Wir gehen unsere kleine Auffahrt hinunter, mein Kopf ist regelrecht vernebelt. Mit jedem Schritt, den ich mich dem Polizeiauto nähere, fällt ein Schleier der Angst um Toni auf mich und hüllt mich ein. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und steige ohne ein Wort hinten in das Polizeiauto ein. Wir fahren los, ich merke nicht einmal, dass wir in entgegengesetzter Richtung des städtischen Krankenhauses unterwegs sind. Auch die Bemerkung der Polizistin, einen kleinen Umweg zu fahren, damit wir nicht am Unfallort vorbeikommen, weil sie nicht weiß, ob das Auto schon abgeholt worden ist, nehme ich nicht wahr. Ich schaue ziemlich abwesend zum Fenster hinaus, während wir durch unsere Siedlung fahren. Die Häuser rauschen vorbei, spielende Kinder in den Vorgärten, Frauen, die Wäsche aufhängen und Männer, die den Rasen mähen. Alles sehe ich, aber registriere es nicht wirklich.

 Wir fahren auf einen großen Parkplatz, der Wagen hält und die Frau öffnet die Autotür.

 „Frau Hausmann, wir sind da“, spricht sie mich an. Ohne ein Wort zu sprechen steige ich aus und folge der Polizistin. Wir sind vor dem Krankenhaus und mir kommt der Ort so unbekannt und abschreckend vor. Ich war nur einmal hier, das ist Jahre her. Ich hatte mir den Arm gebrochen, vor Schmerzen habe ich damals dieses Gebäude gar nicht richtig wahrgenommen. Kim wollte damals unbedingt ein Trampolin, weil es so in war. Ben kaufte ihr natürlich so ein Gerät. Sie bekam es zum 25. Geburtstag. Als es aufgestellt war, konnte man Kim nicht mehr halten. Sie sprang den ganzen Tag darauf herum wie ein kleines Kind. Es sah so leicht aus und so wollte ich es auch probieren. Wir hatten uns zu einem Grillabend verabredet, und als die Männer sich um die Würstchen kümmerten, sprangen wir wie wild auf dem Trampolin herum. Wenn man zusammen springt und immer gleichzeitig aufkommt, klappt es auch, aber ich kam aus dem Takt. Daraufhin bekam ich so einen Schwung, dass es mich seitlich von dem Ding schleuderte. Ich fiel auf den Rasen und beim Abstützen habe ich mir den Arm gebrochen. Der Abend war gelaufen. Kim und Ben aßen die Würstchen allein und ich saß mit Toni in der Notaufnahme und wartete darauf, dass mir jemand einen Gips verpasste. Kim hat sich tausendmal entschuldigt, aber ich war auch selber schuld. Wir haben uns wie kleine Kinder benommen und manchmal wird das eben bestraft.

 Komplett in meinen Gedanken versunken betreten wir das große Eingangsportal der Klinik. Erst der typische Geruch von Desinfektionsmittel bringt mich zurück in die Realität. Die Polizistin steuert auf die Anmeldung zu. Dort angekommen, fragt sie nach meinem Mann, dem Unfallopfer von vor einer Stunde. Ich stehe regungslos daneben, als ginge es mich nichts an. Die Schwester erklärt, wie wir in die Abteilung kommen. Letztendlich zieht mich die Polizistin am Arm in den Fahrstuhl, wir laufen einen langen Gang entlang, dann stehen wir vor einer großen Glastür. Auf dieser ist ganz groß zu lesen: Chirurgische Abteilung. Plötzlich bekomme ich weiche Knie und mein Magen verkrampft sich. Mir ist speiübel, mein Herz fängt an zu rasen und die Knie knicken leicht ein. Die Polizistin sieht mich entsetzt an und öffnet schnell die Tür zur Station. Sie ruft nach einer Schwester, erklärt ihr kurz, wer ich bin und übergibt mich dem Personal. Ich habe die Augen geschlossen, alles dreht sich um mich und ich höre nur noch aus der Ferne: „Ich melde mich heute Abend oder morgen früh noch einmal telefonisch bei Ihnen. Es gibt da noch andere Dinge, die zu regeln sind.“

 Plötzlich wird es still um mich, ich spüre, wie ich langsam die Kontrolle über meinen Körper verliere und schließlich geben meine Beine komplett nach.

 

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