"Geliebtes fremdes Wesen"

mein 2. Roman

 

1

 

  Ich rutsche auf der Bank hin und her und versuche mich zu konzentrieren, indem ich dem Stab, den Professor Wagner wie immer in einer unbeschreiblichen Monotonie schwingt, zu folgen versuche.

  Meine Augen gehen den Bewegungen hinterher, aber es fällt mir immer schwerer, sie offen zu halten. Der gleichmäßige trockene Ton, mit dem der Professor die Paragraphen erklärt, ist noch zusätzlich einschläfernd. Er könnte sie doch an ein paar Beispielen darstellen, aber nein, es wäre dann wohl verständlicher für uns und das Lernen würde uns leichter fallen und vielleicht sogar noch Spaß machen. Uns Studenten soll es eben nicht zu gut gehen. Kurz bevor sich meine Augen schließen und meine langen blonden Haare nach vorn über mein Gesicht fallen, stupst mich Pia von der Seite an.

  „Noch zehn Minuten, dann hast du es geschafft“, sagt sie und lächelt mich verschmitzt an.

  Ich raffe meine Haare wieder nach hinten und schaue kurz auf die Uhr, dann heftet mein Blick wieder an dem Stab, und ich komme mir augenblicklich vor wie bei einen Hypnotiseur. Mit aller Kraft halte ich die Augen offen, aber es funktioniert nicht. Mit einem lauten Knall schlägt mein Kopf auf der Bank auf. Blitzartig sitze ich wieder kerzengerade da und spüre, wie mir die Röte in das Gesicht steigt. Nervös streiche ich meine dadurch unordentlichen Haare glatt und schiebe sie hinter die Ohren. Der Professor bleibt abrupt stehen und klopft mit dem Stab auf sein Lesepult, denn es geht ein lautes Lachen quer durch den Hörsaal. Ich könnte mich vor Scham, vor allem wegen der immer weiter aufsteigenden Röte in meinem Gesicht, unter der Bank verkriechen. Sogar Pia dreht sich von mir weg und kann sich kaum beherrschen, um nicht zu lachen. Nach einem weiteren Schlag des Stabes beruhigt sich die Menge, sodass wieder die gewohnte Aufmerksamkeit und Ruhe bei den Studenten einkehrt.

 Mein Herz schlägt mir wie ein Hammer im Hals und ich brauche ein paar Minuten, um mich wiederzufinden. Als ich das einigermaßen geschafft habe, ist die Vorlesung zu Ende und die Studenten machen sich daran, den Hörsaal zu verlassen. Einige gehen kopfschüttelnd an mir vorbei, andere fangen nochmals an zu lachen. Ich sitze einfach nur da und lasse es über mich ergehen. Das ist mir noch nie passiert, auch wenn die Stunden bei diesem Professor immer ausgesprochen langweilig sind.

  Was mache ich hier nur? Ich bin todmüde und übel ist mir auch noch. Hätte ich nicht lieber im Bett bleiben sollen? Warum habe ich es nicht einfach getan? Wen hätte es gekümmert, wenn ich einen Tag nicht da gewesen wäre? Die Fragen kreisen in meinem Kopf, ich bin dankbar, dass Pia sie unterbricht.

  „Wir können jetzt auch gehen“, spricht sie mich an, denn der Saal ist schon menschenleer.

  So packe ich meine Sachen zusammen. Als Letzte gehen wir hinaus, als mir plötzlich richtig übel wird. Mein Magen hängt mir fast in den Kniekehlen und er ist mit dem, was ich am Vorabend zu mir genommen habe, absolut nicht mehr einverstanden. Ich lehne mich an das Geländer vor der großen Treppe, die in die Eingangshalle führt, und versuche gleichmäßig und tief zu atmen. Zusätzlich breiten sich starke Kopfschmerzen aus und mir wird bei dem Blick auf die hinabführende Treppe schwindlig. Pia, die sieht, was los ist, steht sofort neben mir und stützt mich ab.

  „Du hättest heute zu Hause bleiben sollen“, bemerkt sie und schaut mich mitleidig an.

  „Wegen einer Geburtstagsfeier kann ich doch keine Vorlesung schwänzen“, entgegne ich ihr und denke daran, wie ich mir vor kurzem selbst noch die Frage gestellt habe, warum ich es nicht getan habe.

  „Wir hätten am Sonnabend in deinen Geburtstag hinein feiern sollen.“

  „Das wollte ich nicht. Nicht zu meinem Fünfundzwanzigsten.“

  „OK, aber dann hättest du eben nicht so viel trinken dürfen“, ermahnt mich Pia und ich ziehe unter hämmernden Kopfschmerzen einen Schmollmund.

 Daraufhin schiebt sie mich die Treppe, unter dem Arm stützend, hinunter, sodass wir letztendlich auf der Straße vor der Uni stehen. Ich sauge die frische Luft in mir auf. Dadurch beruhigt sich mein Magen etwas, aber der Kopf dröhnt immer noch. Eingehakt bei Pia schlendern wir in das gegenüberliegende Parkhaus. Bei meinem Auto angekommen gebe ich ihr die Schlüssel und lasse mich ohne ein weiteres Wort auf den Beifahrersitz fallen. Mit einem verschmitzten Lächeln steigt Pia ein und startet das Auto. Sie ist immer überglücklich, wenn sie fahren darf, denn sie hat kein eigenes Auto. Das ist auch nicht nötig, denn wenn sie eins braucht, überlasse ich ihr meines gern. Normalerweise bräuchten wir gar kein Auto, denn hier in Dresden kommt man mit der Bahn überall hin und mit den Parkplätzen ist es auch so eine Sache, aber die Bequemlichkeit siegt eben auch bei uns. Wir fahren gerade mal fünf Minuten bis zu unserer Wohnung, die in einem schön renoviertem Altbau direkt an der Elbe ist.

  Wir wohnen nun schon fast drei Jahre zusammen in einer WG. Als wir bei der Wohnungsbesichtigung das erste Mal aufeinandertrafen, haben wir uns von der ersten Sekunde an prima verstanden. Man kann wirklich sagen, wir haben uns gesucht und gefunden. So eine tiefe Freundschaft, die sich daraus bis heute bestandhaltend ergeben hat, hatte ich nicht einmal mit jemandem in meiner früheren Schulzeit.

  Pia parkt meinen Polo vorsichtig vor dem Haus ein und fordert mich mit einer Handbewegung auf auszusteigen. Langsam schiebe ich meine Beine aus dem Auto und dann hilft sie mir wie einer Siebzigjährigen hoch. In meinem Kopf hämmert der Schmerz immer noch furchtbar, mein Magen brüllt nach etwas fester Nahrung, um wahrscheinlich den Restalkohol aufsaugen zu können. Ich schleppe mich hoch in den dritten Stock, wo unsere Wohnung ist und warte, geduldig an den Türrahmen gelehnt, darauf, dass Pia endlich aufschließt. Ich gehe durch den kleinen Flur, an dem Schuhregal und der kleinen Kommode, auf der ich meine Tasche einfach fallen lasse, vorbei. In der Küche lasse ich mich direkt auf einen Stuhl fallen. Ohne etwas gesagt zu haben macht sich Pia sofort daran, mir einen Tee zu aufzubrühen. Gleichzeitig stellt sie Brot, Wurst, Käse und Butter auf den Tisch direkt vor mich hin. Es ist ja auch noch genügend von der gestrigen Feier übrig geblieben. Bei dem Geruch der Wurst wird mir wieder leicht übel, so schiebe ich sie von mir weg und mache mir eine Scheibe Brot mit Käse. Zusammen mit dem Kamillentee, der zwischenzeitlich fertig ist, versuche ich, es irgendwie hinunter zu bekommen. Es gelingt mir mit viel Überwindung. Pia sitzt mir gegenüber und achtet darauf, dass ich wenigstens die eine Scheibe zu mir nehme. Zufrieden darüber, dass ich es geschafft habe, schiebt sie mir eine Tablette über den Tisch.

  „Für die Kopfschmerzen“, meint sie mit hochgezogenen Brauen und spöttisch verzogenen Lippen.

  „Dir kann das nicht passieren“, knurre ich sie an und schaue gleichzeitig beschämt zu Boden.

  „Nö, ich kann mich beherrschen“, kommt prompt zurück, wobei ihr Grinsen noch breiter wird.

  „Wir sprechen uns wieder, bei deinem 25. Geburtstag“, sage ich genervt und kneife meine Augen mürrisch zusammen, um meine Worte damit noch zu unterstreichen.

  „Na, da habe ich ja noch 2 Jahre Zeit“, lacht Pia unbeeindruckt.

  Ich schaue sie immer noch mit halb zugekniffen Augen an, aber mir fällt nichts mehr ein, mit was ich dagegen halten könnte. Die Lust dazu ist auch verschwunden. Ich stehe auf und schleppe mich mit letzter Kraft in mein Zimmer, weil die Tablette mich noch müder macht, als ich schon bin.

  Ich nehme normalerweise keine Medikamente und so kommt die Wirkung natürlich sofort, genauso wie bei dem Alkohol. Ohne weiter zu überlegen falle ich rücklings auf mein Bett und mache die Augen zu. Ich spüre noch wie von weitem, dass mir Pia eine Decke über die Beine legt und leise die Tür schließt.

  „Linda“, höre ich und werde von zwei Händen an meinen Schultern geschüttelt.

  „Ich will nicht“, antworte ich und drehe mich provokativ auf die andere Seite und ziehe mir die Decke bis über die Ohren.

  „Wach auf. Telefon für dich“ drängelt mich Pia mit lautem Ton.

  Langsam und mit Widerwillen setze ich mich auf und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Pia steht neben meinem Bett, mir das Telefon hinhaltend.

  „Deine Tante Karin“, sagt sie eindringlich und endlich greife ich nach dem Hörer.

  „Hallo, Tantchen“, flöte ich immer noch schlaftrunken hinein.

  „Meine Liebe. Ich wollte dir noch zu deinem Geburtstag gratulieren. Gestern warst du ja leider nicht erreichbar“, sagt Karin traurig.

  „Wir haben gefeiert und dadurch das Klingeln des Telefons wahrscheinlich überhört. Entschuldigung.“

  „Macht doch nichts. Es ist doch schön, wenn du Freunde hast, mit denen du feiern kannst. Ich hoffe, es war lustig.“

  „Ja, das war es“, sage ich. Nebenbei strecke ich mich und schiebe meine Beine langsam aus dem Bett.

  „Aber nicht zu doll?“, fragt Karin neugierig.

  „Nein“, kommt von mir und wie als Strafe für die Lüge, denn so eine heftige Party hatten wir noch nie, sind meine Kopfschmerzen plötzlich wieder da. Automatisch streifen meine Finger massierend über die Schläfen, am liebsten würde ich mich wieder unter meiner Decke verkriechen und weiterschlafen.

  „Ich habe mich nur gewundert, weil Pia dich wecken musste. Das kenne ich nicht von dir, dass du nachmittags schläfst“, bemerkt Karin.

  „Ich war einfach nur müde, weil wir spät ins Bett gegangen sind“, lüge ich weiter, aber ich kann ja wirklich nicht sagen, dass ich etwas zu viel getrunken habe. Auf die Belehrungen, die darauf kommen würden habe ich einfach keine Lust und ich glaube, dass ich das sowieso nicht mehr machen werde. Ich kenne ja nun die erschreckenden Auswirkungen.

  „Na, dann nochmal alles Liebe und Gute. Auch von deiner Mam.“

  „Danke und wie geht es ihr?“

  „Wie immer. Einmal bekommt sie alles um sich herum mit und dann ist sie plötzlich nicht mehr ansprechbar. Aber es ist wenigstens nicht schlimmer geworden, das ist doch das Wichtigste daran“, sagt Karin bedrückt und ich höre die Last, die sie trägt in ihrer Stimme.

  „Gib ihr bitte ein Küsschen von mir.“

  „Das mache ich. Wann kommst du wieder mal zu uns?“, will sie noch wissen.

  „Vielleicht nächstes Wochenende. Ich melde mich noch mal.“

  „Schön, bis dahin. Tschau meine Liebe“, spricht sie und wird immer leiser.

  „Tschau, bis bald“, antworte ich und schalte das Telefon ab.

  Ich kippe zurück auf mein Bett, die Augen wieder schließend. In meinen Gedanken sehe ich meine Mam, wie schön sie einmal war und wie sie jetzt mit ihrer Krankheit zu kämpfen hat. Sie leidet an Altersvergesslichkeit und hat immer öfters Schwächeanfälle, wie schnell sich dadurch ein Mensch verlieren kann, ist unglaublich. Ich habe mit meiner Mam so viele schöne Zeiten erlebt, die ich immer in meinen Erinnerungen bewahren werde. Sie kann sich an fast nichts mehr erinnern, das zu sehen, tut ziemlich weh. Ich bin das Einzige, was sie hatte. Geschwister habe ich keine und einen Mann wollte meine Mam auch nie haben. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Mam meinte immer, es wäre ein Mistkerl gewesen, der sie schwanger hat sitzen lassen und es jetzt auch nicht verdient hätte, seine hübsche Tochter zu sehen. Ihr komplettes Leben hat sie mir geschenkt. Die ganze Liebe und Fürsorge habe ich allein erfahren dürfen und jeden Wunsch hat sie mir von den Augen abgelesen. Wir waren wirklich auch ohne Mann im Haushalt glücklich. Ich hatte auch nie das Verlangen, nach meinem Vater zu suchen. 

 Als die schwierige Zeit begann, hatte ich gerade mein Abitur gemacht und die Schule beendet. Wir bemerkten, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie fühlte sich ständig schlapp und müde, konnte manchmal kaum noch ihre Arbeiten im Haus und Garten verrichten. Das wurde dann immer mehr zu meiner Sache. Sie hat immer wieder und öfter Sachen vergessen. Auch einfachste Dinge, die eigentlich für sie das Normalste auf der Welt waren. Sie konnte nicht einmal mehr allein einkaufen gehen. Entweder hat sie nur die Hälfte mitgebracht oder sie fand gar nicht mehr nach Hause zurück. Nach zahlreichen Untersuchungen haben wir dann die erschütternde Diagnose bekommen. Ich habe darauf bestanden einen Arzt aufzusuchen, denn es konnte nicht mehr so weiter gehen. Von da an hat sich das Blatt für uns gewendet, denn nun war ich für sie da. Ich versuchte, die Liebe und Fürsorge zurückzugeben die ich einst von ihr ohne irgendwelche Bedingungen, bekommen habe. Mit der Hilfe eines Pflegedienstes konnte ich zumindest nebenbei ein paar Stunden arbeiten gehen, denn so langsam wurde das Geld, was wir zur Verfügung hatten, immer weniger. So vergingen die Jahre und mein Traum vom Studieren rückte immer weiter in die Ferne. Das war die negative Seite, aber für mich war immer klar, in ein Heim gebe ich meine Mam nicht. Ich wusste, dass sie das nie gewollt hätte und mir war bewusst, dass es meine Pflicht ist, in vollen Umfang für sie da zu sein.

  Irgendwann bekam ich dann aber doch die Chance auf mein Jurastudium. Es war kein schönes Ereignis, aber ich nahm die Möglichkeit studieren zu können gern an. Onkel Rudi, der immer für mich ein kleines Bisschen wie ein Ersatzvater war, ist plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Meine Tante Karin war nun von einem Tag auf dem anderen allein. Sie hatten keine Kinder und so wurde sie von dem Schmerz der Einsamkeit fast erdrückt. Wir haben uns oft zusammengesetzt, über alles geredet und uns gegenseitig geholfen. Bis sie mir eines Tages angeboten hat, sich um meine Mam, ihre geliebte Schwester, zu kümmern. So war sie nicht mehr allein, hatte wieder eine Aufgabe und ich konnte meinen beruflichen Weg gehen. Noch heute bin ich ihr dafür dankbar und das hat uns noch mehrzusammengeschweißt.

  Karin hat ihre Wohnung aufgegeben und ist in unser kleines Häuschen, am Stadtrand von Freiberg, gezogen. Mit der Pflege meiner Mam kommt sie sehr gut zurecht, denn sie ist gelernte Krankenschwester. In ihrer Freizeit versorgt sie sogar noch die Blumen in unserem schönen Garten, die meine Mam mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl selbst gezüchtet und aufgezogen hat. Ich hatte es zwar auch probiert, allerdings mit wenig Erfolg. Aber Karins Hände haben den Garten wieder in ein kleines Paradies verwandelt.

  So konnte ich endlich mit 22 Jahren in Dresden, was praktisch um die Ecke ist, anfangen zu studieren. Nun bin ich auch schon im sechsten Semester. Ich fahre in regelmäßigen Abständen nach Hause und jedes Mal überkommen mich auf dem Weg dahin Sorgen, ob es meiner Mam wieder schlechter gehen könnte. Aber in letzter Zeit ist die Krankheit etwas zum Stillstand gekommen, und ich bin immer glücklich, wenn mich meine Mam auf Anhieb erkennt.

 

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