"Mein neues altes Leben"

mein 3. Roman

 

 

1

 

 Im Hintergrund höre ich Mona wieder einmal durch mein Haus wirbeln. Sie ist dabei, in meinem Haus Ordnung zu
schaffen, was eigentlich nicht ihre Aufgabe wäre. Aber seitdem Rico nicht mehr da ist, bekomme ich das nicht auf
die Reihe. Normalerweise ist es gegen meine Natur, Sachen liegen zu lassen und dringende Dinge nicht zu erledigen.
Trotzdem greife ich nicht ein, erstens weil ich noch nicht dazu in der Lage bin und zweitens stört es mich nicht. Es ist
mir egal, wie es aussieht, weil ich keinen Sinn mehr darin sehe hier überhaupt noch etwas zu tun.
Auch heute mache ich mir einen Tee und setze mich in meinen Schaukelstuhl an die Terrassentür. Ich starre in den
voll Wolken hängenden Himmel. Er weint bitterlich, wie mein Herz.
 Meine tiefschwarzen Haare hängen wie ein Trauerflor über meine Schultern und verdecken zum Teil mein weinendes
Gesicht. Der schöne Glanz ist verschwunden, wie auch das Leuchten meiner braunen Augen, die in Tränen ertrinken.
Jeden Morgen beim Blick in den Spiegel erkenne ich mich ein Stück weniger.
 Roose, Ricos Katze, die er über alles geliebt hat, natürlich gleich nach mir, schmiegt sich sanft in meinen Schoß. Sie
weicht mir nicht mehr von der Seite, denn sie scheint genauso zu trauern und leiden wie ich.
 Die schützende Hand von Mona, die sich leise zu uns gesellt, greift nach meiner, was ich aber kaum spüre. Die
Kraft und Sicherheit, die sie mir damit geben will, nehme ich unbewusst und ohne jeden Widerstand entgegen. Ich bin
einfach zu schwach und reagiere nun schon seit einigen Wochen nur noch auf das, was andere von mir wollen, mit
fast vollkommener Abwesenheit.
 Das geht nun schon so, seit mein Mann Rico den Unfall hatte und das Szenario immer und immer wieder vor meinen
inneren Augen vorüberzieht. Es ist der schlimmste Tag meines Lebens gewesen und bei jedem Gedanken daran, auch wenn er nur verschwindend kurz ist, zerreißt mir das Herz in tausende Splitter.


 Es war ein wunderschöner sonniger Sonntag, der erste in diesem Jahr und so war es wie in jedem Frühling. Rico
putzte sein Motorrad und machte seine erste Tour. Ich war nicht begeistert, weil ich mit ihm in unserem Garten
Ordnung machen wollte. Der Winter war lang gewesen und die ersten Sonnenstrahlen lockten einen hinaus, um etwas zu tun. Eigentlich wollte ich die Abdeckung der Rosen entfernen und vielleicht auch noch den Gartenteich säubern,
denn unsere kleinen Goldfische sind nach dem Winter wieder mobil, aber sie schwimmen in ziemlich trüben
Wasser. Aber nein! Also saß ich letzten Endes allein auf der Terrasse, nachdem ich die Gartenstühle aus unserem Keller
geschleppt habe, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch und wartete darauf, dass Rico wieder nach Hause kommt.
Jedoch verging die Zeit und es wurde schon wieder sehr frisch, sodass ich mich in der Küche zu schaffen machte. Ich
suchte mir Arbeit im Haus, um mich abzulenken, denn im Unterbewusstsein wurde mir schon klar, dass irgendetwas
nicht stimmte. Rico war nie so lange unterwegs und außerdem wurde es auch schon dunkel. Mit einem
mulmigen Gefühl, rief ich Mona, meine beste Freundin an und sie war kurze Zeit später bei mir. Gemeinsam warteten
wir und es dauerte nicht lange, da klingelte es an der Tür. Ich war schon nicht mehr in der Lage zu öffnen. Ich wusste,
dass etwas passiert sein musste, denn ich habe das Polizeiauto kommen sehen. Mona übernahm das und ließ
die zwei Männer herein.
 Was dann geschah, kann ich nur noch vage wiedergeben, denn bei dem Wort Unfall war ich praktisch nicht mehr
anwesend. Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch und hörte die Worte nur noch aus der Ferne, wie durch einen
undurchdringlichen Schleier. Mona saß neben mir auf der Couch, wo ich einfach niedergegangen bin und unterhielt
sich mit den Polizisten. Komplett zusammengesackt bin ich dann, als ich hörte, wie der eine Polizist sagte, dass mein
Mann leider am Unfallort noch verstorben sei.

 Warum Rico? Warum verliere gerade ich meinen Mann? Wir sind doch erst Mitte dreißig und haben unser ganzes Leben noch vor uns. Das kann alles nicht wahr sein. Ich fühlte mich absolut leer. Konnte keinen Gedanken fassen oder die Polizisten nach irgendetwas fragen. Es ging einfach nichts mehr.
 Die Männer verließen unser Haus und Mona meinte, dass wir das am nächsten Morgen erledigen würden und sie sich
auch um mich kümmern würde. Ich wusste nicht, dass das, was wir da machen sollten, das Unbeschreiblichste sein
sollte, was man von einem Menschen verlangen kann. Meinen Mann identifizieren. Warum ich? Können das nicht
seine Eltern tun? Mona erklärte mir, dass ich, seine Ehefrau, die erste Angehörige bin und es deswegen machen müsste.
Aber er hatte doch seine Papiere dabei?
 Alle möglichen Fragen schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Die Polizisten haben nicht gesagt, wo es passiert ist
und ich wollte es auch nicht wissen. Nur eines war mir klar: Er wollte in die Sächsische Schweiz und da gibt es viele
Straßen mit gefährlichen Kurven.
 Ich weiß nicht wie lange es gedauert hat, aber ich stand wie in Trance auf und suchte im Telefonbuch nach der Nummer
von Ronny. Er ist ein guter Freund von Rico und ist unser Anwalt. Wie ein Roboter wählte ich seine Nummer und als
er abnahm, erklärte ich ihm kühl, was passiert ist. Ich bat ihn, sich um alles zu kümmern, was mit dem Unfall zu tun
hatte. Ich wusste damals schon, dass ich nie die Kraft haben würde, mich mit Details des Unfalls auseinanderzusetzen.
Nach dem ersten Schreck versprach Ronny mir, mit von Tränen erstickter Stimme, dass er alles in die Hand nehmen
würde. Ausdruckslos setzte ich mich, mit dem Telefon in der Hand, wieder auf die Couch und Monas Arme umschlangen
mich. Zusammen weinten wir, ohne den Versuch, den Tränen Einhalt zu gebieten. Mir liefen die Tränen wie bei
einem kleinen Kind über das Gesicht und durchnässten Monas hübsche Bluse, was ich jedoch nicht bemerkte. Eine
Stunde später war unser Wohnzimmer gefüllt von trauernden und schluchzenden Menschen. Wie sie alle hier
hergekommen sind, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur noch daran, dass mir ein Arzt eine Spritze gegeben hat.
Ich versank in meinem Schmerz und meine Augen schlossen sich.
 Am nächsten Morgen lag ich in meinem Bett, ohne zu wissen wie ich dahin gekommen bin, und meine Hand griff
auf die leere Bettseite neben mir. Mein Herz krampfte sich zusammen und meine Augen füllten sich wieder mit Tränen,
denn augenblicklich wurde mir wieder klar, was passiert ist. Ich war allein und nicht fähig aufzustehen, bis ich
Geräusche wahrnahm, die aus der Küche kommen mussten.
 Mit den wenigen Kräften die ich besaß, mühte ich mich aus dem Bett, schlüpfte in meinen Morgenmantel und ging leise
nach unten. Ich wusste nicht, wer sich in meiner Küche zu schaffen machte und mir viel ein Stein von Herzen, als ich
Mona sah und nicht meine Mutter. Ihr erdrückendes Mitleid hätte ich in diesem Moment nicht ertragen können.
Mona gab mir kurz ein Küsschen, fragte, ob ich etwas schlafen konnte, und stellte mir einen starken Kaffee auf den
Tisch. Ohne weitere Worte setzte ich mich und nahm das heiße Getränk dankend an.
 „Möchtest du, dass ich mit zum Bestattungsunternehmen komme?“, fragte Mona, und mir wurde augenblicklich übel,
bei dem Gedanken, was ich an diesem Tag tun musste.
 „Fühlst du dich dazu in der Lage?“, stellte ich die Gegenfrage, die eigentlich jemand mir stellen sollte, ohne
weiter zu überlegen, was sie überhaupt gesagt hat.
 Nach einer Weile fasste ich einen klaren Gedanken und wendete mich an Mona. „Wieso zum Bestatter? Sollten wir
nicht zur Polizei kommen?“
 „Nein. Seine Eltern haben noch gestern Abend die schwere Aufgabe übernommen und jetzt ist Rico schon beim
Bestatter. Heute Nachmittag können wir im engsten Kreis von ihm Abschied nehmen“, sagte Mona leise und ich hörte,
wie auch sie mit den Tränen kämpfen musste, obwohl sie ihr Gesicht vor mir verbarg.
 Sabine und Steffen, Ricos Eltern hatten sich um die Identifizierung gekümmert? Wie schwer musste das für sie
gewesen sein? Gleichzeitig war ich aber froh, dass ich es nicht machen musste.
 „Und wann soll das heute Nachmittag sein?“, fragte ich kurz, verdrängte die Übelkeit die in mir aufstieg und meinen
Magen zumVerkrampfen brachte.
 „16 Uhr und morgen Vormittagwill der Bestatter mit euch allen wegen der Beerdigung reden. Aber auch da komme ich
gern mit, wenn du mich brauchst“, flüsterte Mona und in diesem Moment war ich unbeschreiblich dankbar, so eine
treue Freundin an meiner Seite zu haben.

 Bis heute ist sie ohne wenn und aber an meiner Seite und kümmert sich um fast alles, was mein Leben momentan bestimmt. Sie hat sogar in Windeseile eine Studentin gefunden, die in unserem Geschäft als Aushilfe eingesprungen ist. Wir haben seit fünf Jahren zusammen einen kleinen Laden in Dresden, in dem wir Babymode verkaufen. Um ihn nicht die ganze Zeit komplett schließen zu müssen, denn den Verlust der Kundschaft würden wir nicht gerade verkraften, suchte sie nach dieser Aushilfe. Sie öffnet zwar nur nachmittags, aber immer noch besser als gar nicht. So ist Mona jeden Tag bei mir und umsorgt mich wie eine Mutter und ich kann ihr nicht genug dafür danken.

 

 

                                                                                                 2

 Ich stand vor meinen Schrank und suchte nach etwas Passendem für den Abschied von Rico. Aber was könnte da
schon passend sein? Ist es nicht egal, was ich anziehe? Ich wollte nicht dahin und ich konnte mir auch nicht vorstellen,
dort Rico das letzte Mal zu sehen. Plötzlich stand Mona hinter mir und zeigte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Sie wollte mir damit zeigen, dass es Zeit wird zu gehen. Rasch zog ich ein schwarzes T-Shirt aus dem Schrank und meine schwarze Hose und schlüpfte in die Sachen. Mona drückte mir noch meine Tasche in die Hand und schob mich dann vor das Haus. Wie ein kleines Kind folgte ich ihr zum Auto, stieg ein und ohne zu reden, fuhr sie los. Ich hätte nicht einmal gewusst, wo das Bestattungsunternehmen ist. Ich hatte ja auch noch nie etwas damit zu tun. Bis heute!
 Mona lenkte auf einen Parkplatz, und ich sah schon von Weitem mehrere schwarz gekleidete Menschen. Mein Körper versteifte sich und ich war mir nicht mehr sicher, überhaupt aus dem Auto aussteigen zu können. Kaum das wir hielten, kam Chris, einer unserer besten Freunde auf uns zu und hielt mir die Autotür auf. Widerwillig stieg ich aus und fiel ihm gleichzeitig in die Arme. Seine Wärme ließ meinen Körper fast zusammenbrechen und mein Gesicht verwandelte sich in ein Tränenmeer. Gestützt von Mona und Chris betraten wir den kleinen Raum, wo in der Mitte Rico aufgebahrt lag. Abrupt blieb ich stehen und beobachtete, wie seine Eltern und auch meine, sich ihm näherten und ein tiefes Schluchzen den Raum erfüllte. Keiner konnte mehr seinen Tränen Einhalt gebieten und es wollte auch niemand.
 Alle ließen dem Schmerz des Verlustes freien Lauf.
 Langsam näherte auch ich mich nun meinem Mann. Er lag so still und friedlich da, als würde er nur schlafen. Keinerlei
Verletzungenwaren zu sehen und man fragte sich, warum er überhaupt dort lag.
 Mit Mona stützend im Rücken stand ich direkt neben ihm und griff zaghaft nach seiner Hand. Das Gefühl der kalten
Haut ließ mich erschaudern. Mein Herz setzte kurz aus, mir wurde kurz schwindelig und schwarz vor den Augen, aber
Mona ließ es nicht zu, dass ich ohnmächtig wurde. Ich nahm alle meine Kräfte zusammen, obwohl ich meine Beine kaum
noch spürte, fast nicht mehr gerade stehen konnte und beugte mich mit dem bedrückenden Gedanken, dass ich nie
wieder Zärtlichkeiten von ihm erhalten und auch nie wieder seine Lippen auf meinen spüren werde, über ihn und hauchte ihm einen letzten Kuss auf die Stirn. Sie war ebenfalls kalt, aber dass nahm ich in diesem Moment nicht wahr. Als ich mich von Rico löste, stürzte ich in ein noch tieferes Loch.
 Ich kam erst zu Hause wieder zu mir, immer noch in den tröstenden Armen von Mona und Chris. Den Kopf und meine Gedanken eingehüllt und vernebeltvon Tabletten und mit einem heißen Tee, ließ ich mich auf die Couch fallen, wo ich sofort eingeschlafen bin.


 Am nächsten Morgen, nachdem mir Mona in neue Sachen half, weil die Tabletten immer noch meinen Kopf
beherrschten, holten mich Ricos Eltern ab. Unser Weg führte wieder zum Bestatter, um über die Beerdigung zu sprechen. Ich nickte immer nur abwesend und war eigentlich mit allem was Sabine und Steffen vereinbarten einverstanden. Als es zur Erstellung der Todesannonce kam, war ich plötzlich putzmunter. Spontan fiel mir ein Text ein, der zu Rico und unserem Leben passte. Er sprudelte nur so aus mir heraus.


Was man tief in seinem Herzen besitzt,
kann man nicht durch den Tod verlieren.
Ich spüre, dass du noch bei mir bist,
wir müssen uns nur wiederfinden.


 Simone sah mich etwas verwirrt von der Seite an, aber sie stimmte letztendlich zu. Was ich da gesagt habe, hatte für mich keinen Sinn ergeben, aber es sollte sich irgendwann, nicht nur so als dahingesagt bewahrheiten.
 Eine Woche später war der Tag gekommen, wo wir alle den schweren Gang vor uns hatten, Rico zur letzten Ruhe zu
betten. Mona war wie schon die ganze Zeit bei mir und versuchte mich dazu zu bringen, etwas zum Frühstück zu essen. Ihre Mühe um mich war beeindruckend, aber ich konnte ihr den Gefallen nicht tun. Keinen einzigen Bissen bekam ich
hinunter, nur eine Tasse Kaffee. Extra stark, das versteht sich.
 Für 13 Uhr war die Beerdigungszeremonie angesetzt und so machten wir uns rechtzeitig auf den Weg, um die Ersten in
der Kirche zu sein. Der Weg führte uns zwischen den Gräbern hindurch zum Eingang der Kirche. Dort warteten
schon meine Eltern sowie auch Ricos. Nachdem wir uns alle in die Arme genommen haben, betraten wir die Kirche. Bei
den ersten Schritten auf dem Steinboden in Richtung Altar, erklangen die seichten Töne der Orgel. Mein Körper begann
zu zittern und das Gehen fiel mir immer schwerer. Ich ging Hand in Hand mit Mona und Chris durch die Bankreihen auf
Ricos Sarg zu, der vor dem Altar stand. Eingehüllt in einem weißen, roten und gelben Blumenmeer und in der Mitte ein
Bild von ihm. Ausgerechnet auf seinem Motorrad. Wer hatte gerade dieses Bild herausgesucht? Bei dem Anblick
konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten und war froh, als ich mich auf eine Bank setzen konnte. Mona gab
mir noch ein beruhigendes Küsschen auf die Wange und nahm hinter mir Platz. Warum konnte sie nicht neben mir
bleiben? Ich brauchte sie doch gerade jetzt am meisten. Aber als meine Mutter sich neben mich setzte und nach meiner
Hand griff, wusste ich, dass es doch nicht nur Mona gab die mir beistand, sondern noch viele andere. Aus roten
geschwollenen Augen sah ich sie an, drückte dankend ihre Hand und ließ sie nicht mehr los.
 Wie viele mit uns trauerten, wurde mir mehr und mehr bewusst, denn die Kirche füllte sich zunehmend.
Ein Blick nach hinten, kurz bevor der Pfarrer begann, verschlug mir vollends die Sprache. Die Kirche war bis auf
den letzten Platz gefüllt. Überwiegend junge Leute und es waren Unmengen von Gesichtern, darunter viele, die ich
noch nie gesehen hatte. Aber was hatte ich denn erwartet? Nicht´s, denn ich bin in meinem Schmerz gefangen. Sie alle
waren nur wegen Rico hier. Alle wollten ihn auf dem letzten Weg begleiten. Ich sah, wie sie sich weinend in die Arme
fielen. Das war so überwältigend für mich, dass meine Tränen erneut über meine Wangen liefen. Mein Schluchzen
erstickte ich in einem Taschentuch, als der Pfarrer zu sprechen begann. Er sprach laut aber bedächtig und brachte
uns Ricos Leben noch einmal nahe. Als ich meinen Namen aus seinem Mund hörte, denn Rico hatte angeblich so ein
riesiges Glück mich gefunden zu haben und mit mir ein Stück seines Lebensweges gehen durfte, konnte ich kaum
noch atmen. Meine Kehle war von einem Kloß verschlossen, mein Mund staubtrocken und mein Herz wollte nicht mehr
gleichmäßig schlagen. Erst als meine Mutter mich zu sich heranzog und mich auf die Stirn küsste, ließ das
schreckliche Gefühl, vollkommen machtlos zu sein, etwas nach.
 Nach einer nicht endenden Stunde und mehreren Gebeten für Rico, trugen sechs Männer den Sarg nach draußen.
Stumm und weinend in den Armen meines Vaters, folgte ich dem Sarg meines geliebten Mannes. Erst als alle die Kirche
verlassen und sich um die Grabstelle versammelt hatten, ließen die Männer den Sarg hinab in seine letzte Ruhestätte.
Mit kaum spürbaren Beine und zitternden Händen stand ich als Erste davor und sollte mich nun endgültig verabschieden. Mein Kopf war voller Fragen. Warum? Wir hatten gerade mal fünfzehn Jahre, um zusammenzuleben. Ist das wirklich das Ende unserer Liebe? Bin ich jetzt tatsächlich allein? Ich wollte ihn nicht gehen lassen. Nicht jetzt und nicht so!

 Mona trat neben mich und holte mich aus der Umlaufbahn des Schmerzes und des Verlustes zurück, in der ich mich ganz allein befand. Sie nickte mir zu, ich küsste die weiße Rose in meiner Hand und warf sie auf den Sarg in die Tiefe.
Mona zog mich zur Seite und wir gaben den Weg frei für all diese Menschen, die sich von Rico auch verabschieden
wollten.
 Einige kamen noch einmal zu mir, drückten mich und sprachen mir ihr Beileid aus. Ich sah das Mitgefühl in ihren
Augen und es kam bei mir an. Ich wusste, ich bin keinesfalls mit meinem Schmerz allein. Es nahm mir zwar nicht die
Angst vor dem, was auf mich zukam, aber es stärkte mich, es besser durchzustehen. Ich versuchte, die Kraft und Liebe
der anderen in mich aufzunehmen. Die meisten von ihnen kannte ich nicht und die Namen der Leute, die mir Chris
sagte, hatte ich noch nie gehört.
 Nach einer Weile hatte ich keine Kraft mehr und ich wollte nur noch, dass das alles schnell vorbei gehen würde.
Aber so war es nicht, denn die engsten Verwandten und Freunde waren noch zu einem sogenannten Leichenschmaus
eingeladen. Was das sollte, wusste ich nicht, aber es ist eben Tradition. Es waren nicht mehr viele, aber alle redeten
durcheinander und die Brocken, die ich aufschnappte, waren nicht gerade von Trauer besetzt. Eine aufgelockerte
Unterhaltung ist schon nicht schlecht, denn sie kann ablenken, aber Ricos gesamtes Leben noch einmal zu hören,
war zu viel für mich. Also verließ ich unter unverständlichen bis hin zu mitleidigen Blicken zusammen mit Mona die
Gaststätte. Ich flüchtete mich regelrecht nach Hause, in meine schützende Umgebung.
 Am ersten Tag nach der Beerdigung war ich immer noch benommen. Dann kamen aber Tage, an die Mona nur noch
mit Grauen denkt, denn sie war es, die alles wieder in Ordnung brachte und zusammenhielt. Ich habe Geschirr aus den Schränken gerissen und zertrümmert und zugesehen wie es in tausende Splitter zersprang. Ich ging in den Garten und schrie mir die Seele aus dem Leib, ohne auf die Nachbarn zu achten, die mich kopfschüttelnd beobachteten und mich wahrscheinlich auch nur bemitleideten.
 Ich fühlte mich ständig ohnmächtig, zornig, frustriert und unermesslich traurig. Die Traurigkeit füllte meine Lungen
mit Wasser und ich hatte das Gefühl zu ertrinken. Ich fühlte mich von Rico im Stich gelassen, dann wiederum wusste
ich, dass ich falsch lag, denn er trug keine Schuld, ebenso wenig wie ich selbst.

 Er war tot und ich fühlte mich, als hätte mir ein wildes Tier das Herz herausgerissen. Ein Teil von mir fehlte und ich
weiß bis heute, ich liebe Rico und ich werde niemals etwas anderes fühlen. Aber auch diese Phase verging und nun sitze
ich immer wieder apathisch auf der Couch und lasse mich von Mona umsorgen. Das geht jetzt einen Monat so. Ich verkrieche mich in meinem Haus und lasse nur Mona an mich heran. Jeden Tag schleppe ich mich über die Zeit und der Mut, das Haus zu verlassen und wieder in die Normalität zurückzukehren, verlässt mich mehr und mehr.