"Angie - Die Prüfung"

Der erste Teil meiner Trilogie.

 

 

 

EINS

 

 

 Ich strecke mich und jeder Knochen und jede Sehne an meinem Körper tut weh. Seit vier Wochen schlafe ich nun schon auf dem provisorischen Bett, was wirklich nur eine einfache Liege ist. Sie steht im Hinterzimmer meines kleinen Geschäftes. Das habe ich vor zwei Monaten eröffnet und nach ein paar Wochen war mir der morgendliche Weg, quer durch ganz Dresden, zu viel. Der Verkehr ist stets nervenaufreibend gewesen und ich hatte einfach keine Lust mehr, ständig im Stau zu stehen.

 Ich bin bei Grace, eigentlich meine Großmutter, die ich aber schon immer so genannt habe, am anderen Ende der Stadt aufgewachsen. Nun habe ich mich jedoch dazu entschlossen, meinen eigenen Weg zu gehen.

 Mit meiner besten und einzigen Freundin Elena habe ich mir den Traum vom eigenen Laden erfüllt.

 Ich sehe mich als Lebensberaterin und so gibt es bei uns alles zu kaufen, was mit Himmel und Hölle zu tun hat. Von Gott, Engeln bis Teufel, von Dämonen bis Elfen. Wir haben Bücher, CD´s und sämtliches Kleinzeug von Amuletten bis hin zu Ratgebern für alle Lebenslagen.

 Zudem halten wir Sitzungen ab, in denen wir mit unseren Kunden mittels Tarotkarten in die Zukunft sehen. Ach, und ein Pendel habe ich auch, aber das kommt eher selten zum Einsatz.

 Am Anfang war es sehr schwer, mit diesem Angebot Fuß zu fassen, denn es gibt wenige Menschen, die an solche Sachen glauben. Laut Volksglaube gibt es paranormale Dinge und Ereignisse eigentlich nicht, oder man kann sie nur schwer erklären. Aber langsam haben wir uns einen Kundenstamm aufgebaut. Die Leute kommen nicht mehr nur neugierig schauen und verlassen dann doch kopfschüttelnd, ohne etwas zu kaufen, unseren Laden, sondern zeigen immer mehr Interesse.

 Das mit den Tarotkarten ist so ein Familiending. Schon meine Urgroßmutter Gina hat es gemacht und auch Grace. Von ihr habe ich es gelernt. Stundenlang habe ich ihr als Kind heimlich zugeschaut, wenn sie ihre Kunden beraten hatte. Als ich vierzehn Jahre alt war, hat Grace begonnen, es mir beizubringen. Sie sagte immer, dass wir alle diese Gabe besitzen und wir vielen Menschen damit helfen können und sollten.

 Elena hat es von mir gelernt und ihr Talent war erstaunlich. Das Kombinieren der Informationen der Karten lag ihr ebenso im Blut wie mir. Ich musste nie lange überlegen, was sie zu sagen haben. Elena brauchte etwas länger, um alles zu verstehen, aber jetzt ist sie fast genauso perfekt darin wie ich.

 Unser Interesse weitete sich noch aus und wir sammelten alles, was mit Übersinnlichem und Paranormalem zu tun hat. Irgendwann wurde es so viel, dass wir uns entschieden, damit einen beruflichen Weg einzuschlagen. So kamen wir letztendlich zu unserem Laden. Es ist ein kleines Geschäft mit zwei Hinterzimmern. In Absprache mit unserem Vermieter haben wir alles so umfunktioniert, damit es unseren Vorstellungen gerecht wurde. Das eine Hinterzimmer ist der Beratungsraum, wo wir Sitzungen mit den Kunden abhalten und das andere mein kleines Wohndomizil. Dahinter haben wir noch ein winziges Bad, mit einer Dusche in der man sich zwar kaum drehen kann, aber für unsere Ansprüche reicht es aus. Meistens sind es sowieso nur meine.

 Ich habe mich aus meinem primitiven Bett heraus gequält, war eben unter der sogenannten Dusche und meine Muskeln haben sich auch etwas entspannt. Ich mache mir einen Kaffee und schwelge weiter in meinen Gedanken. Während ich darauf warte, dass die Maschine fertig wird, fällt mein Blick auf die wenigen Fotos, die ich hier neben meinem Bett stehen habe. Es sind ziemlich alte Fotos. Auf dem Ersten ist meine Urgroßmutter Gina mit Grace und meiner Mutter als Baby auf dem Arm. Das zweite zeigt Grace mit meiner Mutter, die mich als Baby auf den Arm hält. Irgendwie komisch. So viele Jahre liegen zwischen den Bildern, aber sie gleichen sich so, dass man sie verwechseln könnte, wenn man es nicht wüsste, wer da zu sehen ist.

 Mein Blick schweift zu meinem Spiegel und ich sehe wieder, warum es so ist. Jedes Mal bin ich über die Ähnlichkeit, die uns alle vier verbindet, erstaunt.

 Wir alle sehen gleich aus. Ein zartes Gesicht, eingerahmt von rot leuchtenden langen Haaren, die sich in großen Locken um den Kopf schmeicheln. Und dann die grünen Augen, die sich wie Smaragde im Licht spiegeln. Ach ja, die Sommersprossen darf ich nicht vergessen, die ich als Kind verflucht habe und die sich nicht nur auf meiner Nase tummeln. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und sie gehören einfach zu mir, wie die Gabe, die unsere Familie viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte schon begleitet.

 Manche Menschen sagen, dass wir wie Hexen aus dem Mittelalter aussehen und an dem was wir tun, oder meine Ahnen getan haben, ist wahrscheinlich sogar etwas Wahrheit daran. Es ist nur gut, dass wir heute leben und die Menschen mit diesem Thema anders umgehen als vor dreihundert Jahren.

 Da gibt es nur eins, was mir bei dem Blick auf das Foto mit meiner Mutter, mich immer wieder sprachlos macht. Ich kenne sie nicht. Ich habe nur dieses eine Bild und da bin ich gerade einmal drei Monate alt. Sie ist einfach verschwunden und deshalb bin ich auch bei Grace aufgewachsen. Grace hat kaum von ihr gesprochen, nur, dass sie unser Familienband durchtrennt hat. Ich habe dies nie verstanden, aber das sollte sich bald ändern.

 In diesem Moment fällt mir der Traum von letzter Nacht wieder ein, den ich gar nicht richtig wahrgenommen habe. Aber plötzlich schlägt er wie Blitz ein. Ich schließe die Augen und er läuft noch einmal wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.

 Urgroßmutter Gina steht vor mir. Wunderschön mit ihren roten Haaren und sie sieht mich mit den grünen Augen ernst an, so wie ich es noch nie gesehen habe.

 „Es ist die Zeit gekommen deine Aufgaben in die Hand zu nehmen. Lebe nach unserem Familienvermächtnis. Sieh dich um, deine erste Prüfung ist in dem kleinen Haus, was dir sofort ans Herz wachsen wird.“

 Ihre Worte schallen in meinem Kopf nach und ich öffne meine Augen, um den Traum loszuwerden. Was hat sie damit gemeint? Welche Aufgaben habe ich zu erfüllen? Was für eine Prüfung? Und von welchem Haus hat sie da gesprochen?

 Ja, ich bin auf Wohnungssuche, aber ein Haus? Das könnte ich mir doch niemals leisten.

 Gequält von Ginas Worten gieße ich mir den Kaffee ein und setze mich etwas benommen an den kleinen Tisch. Nach dem zweiten Schluck höre ich, wie die Ladentür aufgeschlossen wird.

 „Hallo Angie, bist du schon munter?“, ruft Elena und ich bin glücklich, dass sie da ist.

 Nicht nur weil sie mir ein frisches Milchbrötchen vom Bäcker mitbringt, nein, sie ist morgens immer so aufgedreht, dass sie mich in Handumdrehen auf andere Gedanken bringt. Und das ist heute genau richtig.

 „Ich trinke gerade einen Kaffee. Möchtest du auch einen?“, rufe ich nach vorn und stehe gleichzeitig auf, um ihre Tasse aus dem Schrank zu holen.

 „Ja klar, sonst komme ich doch nicht auf Touren“, antwortet sie und ich muss lachen, denn um auf Touren zu kommen, braucht sie garantiert keinen Kaffee.

 „Du siehst heute aber mitgenommen aus. Ein anständiges Bett würde dir guttun“, sagt sie und steht mit einer Tüte Brötchen vor mir.

 „Na, vielen Dank auch“, kontere ich, kann ihr aber nicht sagen, oder ich will es nicht preisgeben, warum ich nicht gut geschlafen habe. Am Bett hat es diesmal zumindest nicht allein gelegen.

 Ich reiche ihr den Kaffee und wir setzen uns gemeinsam an den Tisch. Mit einem Brötchen in der Hand sieht mich Elena immer wieder aufmerksam an.

 Sieht man mir etwa an, dass ich etwas Merkwürdiges geträumt habe? Oder wartet sie auf eine Erklärung von mir?

 „Was ist? Habe ich etwas im Gesicht?“, frage ich gerade heraus und greife an meine Nase, damit sie meine Aufgeregtheit nicht erkennt.

 „Nein, aber du solltest wirklich einmal darüber nachdenken, ob das hier ein richtiges Zuhause ist“, antwortet Elena mit besorgter Stimme.

 „Ja, ich weiß. Ich werde mich darum kümmern.“

 „Na ja, einen Katalog hast du dir ja schon mal besorgt“, lächelt Elena mir zu.

 „Welchen Katalog?“

 „Na, der da vorn auf der Ladentheke liegt.“

 „Den hat mir bestimmt jemand hingelegt. Ich habe mir keinen besorgt“, sage ich und würde am liebsten aufspringen, aber meine Beine verweigern mir den Dienst, denn irgendetwas stimmt hier nicht.

 „Du hast ja dann Zeit darin mal zu blättern. Ich habe gleich eine Sitzung und du bist ungestört.“ Elena trinkt ihren Kaffee aus, zupft noch einmal ihre schwarzen, glänzenden Haare und verschwindet nach vorn.

 Ich bleibe wie angewurzelt sitzen und überlege, wie der Traum, der Katalog und meine verdammten Rückenschmerzen, die plötzlich wieder da sind, zusammen passen. Ich komme nicht darauf. Ich kann keine Verbindung finden und momentan auch keinen klaren Gedanken mehr in meinem Kopf formen.

 „He, dass Häuschen sieht niedlich aus. Könnte mir auch gefallen. Und da sagst du, du hast den Katalog noch gar nicht gesehen, aber die entsprechende Seite schon markiert“, ruft Elena begeistert und mir verschlägt es vollkommen die Sprache.

 Ich kann mich immer noch nicht rühren. Mein Körper ist wie gelähmt und mein Kopf leer wie eine Blase.

 Elena begrüßt ihre Kundin und meldet sich bei mir ab, was heißt, wenn jetzt der Türgong erklingt, muss ich vor in den Laden. Hoffentlich kommt nicht so schnell jemand.

 „Deine Aufgabe! Familienvermächtnis! Die erste Prüfung!“, Ginas Worte hämmern in meinem Kopf und ich kann einfach nichts dagegen tun.

 

 

 

 

 

ZWEI

 

 

 Langsam versuche ich, meine Beine zu bewegen. Die Schmerzen durchzucken meinen Körper und ich streiche mit meinen Händen gegen den Krampf in meiner Wade an. Es dauert ein paar Minuten, bis ich endlich auf meinen Füßen stehe. Ich spüle die Tassen ab, was ich eigentlich immer erst am Mittag tue, aber ich schinde Zeit, um nicht in den Laden gehen zu müssen.

 Ich finde nichts mehr, mit dem ich mich ablenken könnte und gehe endlich nach vorn. Ich nähere mich mit kleinen Schritten der Ladentheke und sehe schon von weitem den Katalog, den Elena erwähnt hat. Er ist aufgeschlagen und die oberste Ecke ist zu einem Eselsohr umgeknickt. Irgendjemand hat diese Seite so markiert, wie sie es sagte.

 Skeptisch und vorsichtig zugleich gehe ich darauf zu und schaue mir das Häuschen auf der Seite an. Es ist ein kleines Einfamilienhaus. Es sieht sehr hübsch aus und der Garten davor ist mit bunten Blumen übersät. Ich führe zögernd meine Hand nach vorn und will den Katalog zuschlagen. Aber irgendetwas hält mich davon ab. Meine Hand schwebt über dem Papier und ich kann meine Finger nicht bewegen. Ich reiße meinen Blick von dem Bild des Hauses weg, atme tief und lang durch und versuche noch einmal, den Katalog zu schließen. Mit einem Ruck in die Richtung gelingt es mir, gleichzeitig packe ich ihn und schiebe ihn unter den Ladentisch. Er ist aus meiner Sichtweite und etwas Ruhe zieht bei mir ein.

 Warum hat mich das jetzt so aufgeregt? Warum konnte ich den Katalog nicht einfach schließen? Wer hat ihn überhaupt dahin gelegt und die Seite markiert? Und warum soll ich mir dieses Haus anschauen? Hat Elena ihn vielleicht doch mitgebracht? Aber warum sollte sie das tun, denn sie weiß ja, dass ich mir nur eine kleine Wohnung leisten kann.

 Gina! Prüfung! Ich muss immer wieder an diese Worte denken. Hat etwa Gina ...? Aber wie sollte das denn gehen? Sie hatte zwar einige unheimliche Fähigkeiten, die ich selbst als Kind mitbekommen habe. Aber sie ist seit vielen Jahren tot. Dass ich von ihr träume, ist für mich verständlich, aber dass sie von dem Ort aus, wo immer sie auch ist, Einfluss auf mein Leben haben soll, kann ich irgendwie nicht glauben.

 Ich schüttele die Gedanken ab und gehe in den anderen Teil unseres Geschäftes. Dort stehen noch zwei Kisten mit Büchern, die ich gestern nicht mehr ausgeräumt habe. So mache ich mich daran, kurz in jedes Buch hineinzulesen und es dann an die entsprechende Stelle im Regal einzuordnen. Ich bin voll konzentriert auf ein Buch mit Nahtoderlebnissen, als es hinter mir raschelt. Der Türgong ist nicht erklungen, also habe ich es nicht verpasst, dass jemand in den Laden gekommen ist. Ein kalter Schauer huscht über meinen gesamten Körper und ich fange an zu zittern, als wäre es plötzlich zehn Grad kälter.

 Ich lege das Buch zur Seite, schlinge die Arme um den Körper und beginne mit reibenden Bewegungen die Oberarme zu massieren, damit mir wieder wärmer wird.

 Mit einem unheimlichen Gedanken, was das gewesen sein könnte, drehe ich mich um und erstarre. Mein Blick ist an dem Katalog gefesselt, der wieder auf dem Ladentisch liegt. Wie ist er dahin gekommen? Ich bin doch allein im Geschäft. Was läuft hier ab?

 Das Zittern hat aufgehört, aber es hat sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend eingestellt. Mir ist plötzlich richtig übel und ich gehe, ohne den Blick vom Ladentisch zu nehmen, in die Küche. Erst dort kann ich mich aus dem Zwang befreien und stelle den Wasserkocher an, um mir einen Tee aufzubrühen.

 Während das Wasser zu kochen beginnt, gehe ich wie von einem Faden gezogen, wieder nach vorn. An der Theke bleibe ich stehen und das Bild von dem Haus bohrt sich in meinen Kopf. Mit letzter Kraft kann ich den Katalog greifen und wieder unter der Theke verschwinden lassen. Als ich das geschafft habe, schleppe ich mich zurück und gieße meinen Tee auf. Vollkommen fertig sitze ich an dem Tisch, als Elena um die Ecke kommt.

 „Was ist mit dir los? Du siehst aus, als hätte dich ein Geist erschreckt“, fragt Elena einerseits besorgt, aber auch etwas belustigt.

 „So was ähnliches“, antworte ich kurz, denn ich weiß nicht, wie ich ihr das erklären soll.

 Elena macht sich auch einen Tee und setzt sich zu mir. Sie legt ihre Hand auf meine und ich zucke erschrocken zusammen.

 „He, die ist ja kalt wie ein Eiszapfen.“

 „Der Katalog ...“, beginne ich zu stottern.

 „Ich habe ihn wirklich nicht mitgebracht. Der lag schon da, als ich gekommen bin“, sagt Elena das fast entschuldigend.

 „Ich habe ihn zugemacht und unter den Ladentisch gelegt. Aber dann ...“, versuche ich es weiter.

 „Was dann?“

 „Er lag einfach wieder oben auf dem Tisch. Ich habe mich nur umgedreht und ein paar Bücher einsortiert“, erkläre ich.

 „Etwas komisch, oder?“ Elena sieht mich skeptisch an.

 „Komisch? Eher unheimlich“, flüstere ich.

 „Du willst mich aber jetzt nicht veralbern?“ Elena spricht auch so leise, dass ich sie kaum verstehe, als würde uns jemand zuhören und er es nicht wissen sollte.

 „Nein. Warum sollte ich das tun?“, sage ich jetzt richtig laut und diesmal zuckt Elena zusammen.

 „Okay, ist ja gut“, erwidert Elena, steht auf und redet dann weiter: „Machen wir mit den Büchern zusammen weiter?“

 „Ja, das können wir. Gehe schon vor, ich komme gleich nach“, antworte ich und warte darauf, dass sie geht.

 Erst jetzt nehme ich meine Hände wieder nach oben, die ich kalt und zitternd unter meinen Oberschenkeln geschoben hatte. Das Zittern ist weg, aber mir ist immer noch kalt und das nicht nur an den Händen. Ich hole mir eine Jacke und schlinge sie um meinen Körper. Augenblicklich fühle ich mich mollig warm und geborgen. So gehe ich zu Elena in den Laden, bemerke beruhigt, dass der Katalog noch immer unter dem Tisch liegt und nehme das nächste Buch aus dem Karton.

 Engel. Ja, ein Engel müsste man sein. Frei von allen Sorgen des Lebens, an verschieden Orten gleichzeitig sein, Menschen helfen und einfach nur glücklich durch die Welt fliegen. Ist das wirklich so? Sind Engel wirklich frei? Und können sie fliegen?

 Das Buch scheint mir die Antworten geben zu können und so lese ich immer weiter. Total versunken in dem Geschriebenen bemerke ich nicht, wie Elena vorsichtig ihr Buch beiseitelegt und mich ängstlich von der Seite anschaut.

 „Angie“, flüstert sie und stößt mich sacht an.

 Ich sehe zu ihr auf und mir wird gleichzeitig unwohl. Elenas Gesicht hat jegliche Farbe verloren und ihre Augen sind weit aufgerissen. Ihr Mund ist geöffnet, aber es kommen keine weiteren Worte heraus. Langsam folge ich ihrem Blick und er bleibt fast wie erwartet am Ladentisch hängen. Der Katalog liegt wieder oben und die gewisse Seite ist aufgeschlagen.

 „Er ist einfach nach oben geschwebt“, sagt Elena, ohne dass ich sie danach gefragt habe.

 Geschwebt? Ich glaube, Elena hat sich verguckt. Aber so wie sie in die Richtung starrt, kann es nur die Wahrheit sein.

 „Ein Katalog kann nicht fliegen“, bemerke ich ironisch, aber von Elena kommt darauf keine Reaktion.

 „Er ist geschwebt“, beharrt sie nach einigen Sekunden auf ihre Version.

 „Elena, hast du noch mehr gesehen?“, frage ich und mir kommt meine Frage plötzlich selbst albern vor.

 „Ja“, flüstert sie so leise, dass ich es fast nicht gehört habe.

 Ich meinte es als Scherz, aber Elena hat es nicht bemerkt. Ganz im Gegenteil. Ihre Augen sind jetzt zusammengekniffen und sie beginnt zu schwanken. Sofort greife ich nach ihrem Arm und helfe ihr, sich auf den Hocker, der neben ihr steht, zu setzen. Ich beobachte sie eine Weile und überlege, was sie wohl noch gesehen hat. Einen schwebenden Katalog und dann noch etwas anderes. Aber was? Frage ich sie danach? Will ich es überhaupt wissen? Ja, das will ich! Denn irgendetwas stimmt hier nicht und wenn ich nicht weiß, was es ist, dann kann ich keine Nacht mehr ruhig schlafen.

 „Elena“, sage ich einfühlsam, knie mich vor ihr nieder und nehme ihre Hände in die meinen. Sie sieht mich nicht an und so rede ich einfach weiter: „Was hast du gesehen?“

 „Ein ganz zartes und seichtes Licht. Es war hinter der Theke“, kommt von ihr und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

 „Kannst du es etwas genauer beschreiben?“, frage ich und spüre, dass wir nicht allein im Raum sind.

 Mein Blick schweift herum, aber ich kann nichts entdecken. Was war das eben? Ein kalter Hauch, der mich streifte und das Gefühl, dass jemand hinter mir steht.

 „Da ist es wieder“, sagt Elena und ihre Hände, die ich immer noch halte, beginnen zu zittern.

 Ich stehe auf und drehe mich zum Eingang. Da ist nichts, aber hinter der Theke ist wahrhaftig etwas. Was zum Teufel ist das? Es steht nicht, es schwebt. Ein sanftes weißes Licht, was die Form eines menschlichen Körpers hat. Ein Geist! Ich habe noch nie so etwas gesehen und kann mir somit nicht sicher sein, dass mein Gehirn sich nicht irrt. Die in Licht gehüllte Gestalt hat die Absicht, auf uns zuzukommen, und schwebt um den Tresen herum. Gleichzeitig packt uns unwillkürlich die Angst und wir verkriechen uns förmlich in die hinterste Ecke des Raumes. Ich halte Elena immer noch fest und sie mich. Wir zittern beide wie Espenlaub und können unsere Augen von dieser Gestalt nicht abwenden. Keiner kann etwas sagen, geschweige vielleicht eine Frage stellen. Es wäre bestimmt besser zu begreifen, wenn wir wüssten, wer es ist, aber wir bleiben stumm.

 Das Licht schwebt zurück, hebt den Katalog an, zeigt uns die entsprechende Seite und legt ihn dann wieder ab. Einige Minuten später, in denen wir kaum atmen, fixiert in dieselbe Richtung starren und wir uns nicht einen Zentimeter bewegen, verschwindet die Gestalt wieder und plötzlich ist es unheimlich dunkel im Raum. Dieser war noch vor kurzem mit Licht durchflutet. Unsere Augen gewöhnen sich erst einmal wieder an das normale Licht unserer Kerzen, die immer brennen, während das Geschäft geöffnet hat.

 „Angie?“ Ich höre die zitternde Stimme von Elena neben mir und versuche zu antworten, aber ich kann es immer noch nicht.

 Meine Gedanken schwirren komplett durcheinander in meinem Kopf herum. Nur eins ist mir momentan wichtig. Bitte jetzt keine Kundschaft! Was würden unsere Kunden sagen, wenn sie uns so sehen? Die beiden, die anderen in schwierigen Lebenslagen helfen, haben die größte Angst vor Geistern. Wie abgedreht!

 Ich versuche meine Beine zu bewegen, lege Elenas Hände in ihren Schoß und stehe langsam auf. Meine Füße halten mich nicht so standhaft, wie ich es gewöhnt bin, aber ich schleppe mich zur Eingangstür und schließe sie ab. Einen großen Bogen um den Ladentisch ziehend, gehe ich zurück zu Elena. Sie sitzt zumindest wieder lockerer da und schaut mich von unten heraus an.

 „Willst du auch einen Beruhigungstee?“, frage ich und bin schon halb in der Küche.

 „Ja, ich komme mit. Ich glaube, wir trinken heute die Packung noch leer“, antwortet Elena und quält sich, ebenso wie ich vor kurzer Zeit, auf die Beine. Schwankend kommt sie hinter mir her und lässt sich total fertig auf einen der Stühle in der Küche fallen.

 Der Wasserkocher ist fast schon heiß und ich hänge zwei Beutel Johanniskrauttee in die Tassen. Die Stille, die uns umgibt, erdrückt mich fast und ich versuche, ihr aus dem Weg zu gehen.

 „Elena, ich habe es auch gesehen. Wenn du darüber reden willst?“, sage ich, stelle ihr die Tasse hin und setze mich ihr gegenüber. Sie schaut nur kurz hoch und ihre Augen sind immer noch voller Angst.

 „Weißt du, wer es war?“, will sie ohne Umschweife wissen.

 Woher soll ich das aber wissen? Wer könnte denn Interesse daran haben, dass ich mir das Haus ansehe? Das ist wahrscheinlich der Plan des Geistes. Aber warum? Hat der Geist etwas mit dem Haus zu tun? Dann will ich nichts damit zu tun haben. Denn das was wir gerade erlebt haben, reicht mir vollkommen.

 „Angie? Ich will, dass du dir das Haus nur einmal ansiehst. Entscheide später, ob du dich der Prüfung stellen willst oder nicht.“

 Ich schaue mich um, aber kann niemanden sehen. Elena beobachtet mich argwöhnisch und ich frage mich, ob sie das vielleicht auch gehört hat.

 „Was ist denn los, Angie?“

 „Ich glaube, ich habe etwas gehört“, antworte ich ehrlich und versetze sie damit wieder in eine Starre aus purer Angst.

 „Und was?“

 „Erst hatte ich einen Traum“, beginne ich und hole etwas aus, um es ihr verständlicher zu machen. „Meine Urgroßmutter Gina. Ich habe von ihr geträumt und sie will, dass ich meiner Bestimmung folgen soll und die erste Prüfung ins Haus steht.“

 „Haus?“ Elena klingt nun gar nicht mehr so verwirrt.

 „Man sagt das doch nur so“, gebe ich von mir.

 „Deine Urgroßmutter war eine ziemlich Große in dem, was sie getan hat.“

 „Ja. So weit ich weiß, konnte sie viel mehr als nur Karten legen. Aber Grace hat mir nie viel darüber erzählt. Ich glaube, sie will mich schützen“, sage ich mehr zu mir selbst, als zu Elena.

 „Der Geist vorhin, war das deine Urgroßmutter?“ Sie sieht mich fragend an.

 „Ich denke ja. Gerade eben habe ich sie in meinem Kopf gehört. Wie das möglich ist weiß ich nicht, aber es klang klar und deutlich. Sie will, dass ich mir das Haus wenigstens einmal anschaue.“

 „Angie, dann tu es doch einfach. Ein Blick auf das Haus kann doch nicht schaden.“ Elena nimmt meine Hände und hält sie zärtlich fest.

 „Was könnte dort auf mich zukommen? Was ist die Prüfung? Werde ich sie bestehen? Und warum überhaupt soll ich das tun?“ Fragen, die ich unwillkürlich laut ausspreche.

 „Deine Bestimmung. Was beinhaltet sie?“

 „Ich weiß es selbst nicht. Ich kann es dir nicht sagen. Grace hat nie von so etwas gesprochen und nur sie hatte mein Leben bis vor kurzem in der Hand.“

 „Dann rede mit ihr“, fordert Elena mit Nachdruck.

 „Das werde ich tun, sicher. Aber ich glaube, ich schaue mir das Häuschen doch einmal an“, sage ich und hole den Katalog. Meine Schritte sind energisch und überraschen mich selbst. Plötzlich ist die Angst wie weggeblasen. Vor Gina brauche ich wirklich keine Angst zu haben, auch wenn sie mir jetzt als Geist erscheint.

 „Rufe doch den Makler an, vielleicht kann er dir weiterhelfen“, ruft mir Elena nach.

 „Nein. Ich werde es mir nur aus der Ferne ansehen. Verbindliches kann noch warten“, kommt von mir und schon sitze ich wieder bei Elena am Tisch.

 Mein Blick klebt an dem Bild, was ein wirklich nettes kleines Haus zeigt. Was kann daran nicht stimmen? Oder ist da gar nichts und Gina will nur sehen, ob ich überhaupt den Mut habe, da hinzugehen und somit die angebliche Prüfung annehme? Ich werde es jetzt nicht erfahren, sondern ich muss den Weg gehen. Ich möchte Gina nicht verärgern und sie am Ende dazu bringen, ständig bei mir zu erscheinen, oder in meinen Träumen herumzuspuken. So gern ich sie auch habe und die schönen Erinnerungen an sie in meinem Herzen trage, sowie den schmerzlichen Verlust, den ich mit sechs Jahren ertragen musste, der mir damals fast das Herz zerrissen hat, möchte ich sie nicht ständig als Geist um mich haben. Darauf habe ich absolut keine Lust, also werde ich mich ihr und ihren Bedingungen vorerst einmal stellen.