"Angie - Zwischen Gegenwart und Vergangenheit"

2. Teil meiner Trilogie

 

 

EINS

 

 

 

  Ich stehe auf meiner Terrasse, die Arme eng um meinem Körper geschlungen, weil es merklich kälter geworden ist, und ich bin wieder einmal in meinen Gedanken gefangen.

 

  Es ist Ende November und die Bäume haben endgültig ihr Laub verloren. Die Bäume stehen kahl und ungeschützt dem Wind gegenüber. Vor ein paar Tagen habe ich die ganze Wiese geharkt und das bunte Laub liegt jetzt auf einem großen Haufen. Ich will ihn liegen lassen, damit sich vielleicht Igel ein Lager für den Winter bauen.

 

Gerade als ich wieder ins Haus gehen will, weil mich die Kälte eingenommen hat, sehe ich Ranja mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, an mir vorbei schweben. Sofort weiß ich, dass sie etwas im Schilde führt und so ist es auch. Mit einem Mal scheint der Laubhaufen zu explodieren. Hunderte bunte Blätter wirbeln durch die Luft. Ich muss schmunzeln, weil ich das als Kind genauso gemacht habe und es der größte Spaß war.

 

  Plötzlich sehe ich meine Nachbarin im Augenwinkel, wie sie über die Hecke lunscht. Mein Lächeln erstarrt und in ihrem Gesicht, was jegliche Farbe verloren hat, sehe ich, wie erschrocken sie ist. Ranja wirft alles um sich und das was meine Nachbarin sieht, sind nur die fliegenden Blätter, ohne eine Spur von Wind. Nicht einmal ein kleines Lüftchen weht. Ranja kichert vergnügt, als sie sieht, wie entsetzt die Nachbarin zurück in ihr Haus läuft. Sie macht es ständig und lässt sich den Spaß nicht nehmen, Leute zu erschrecken.

 

  Ich bin mir sicher, dass die Nachbarin weiß, was bei uns vor sich geht, aber sie hat mir bis heute keine Chance gegeben, mit ihr darüber zu reden.

 

  Ich sehe Ranja noch eine Weile zu, denn ich bin froh, dass sie sich überhaupt so ausgelassen zeigt. Die letzten drei Monate hat sie sich nur noch in Schweigen gehüllt. Bis heute habe ich nicht erfahren, warum sie nicht mit Tabea ins Licht gegangen ist. Ich kenne weder ihr Problem, was sie hier noch festhält, noch vor wem sie mich beschützen will. Ich höre immer wieder ihre Worte in meinem Kopf, aber ich komme einfach nicht an sie heran.

 

  Mir wird es jetzt zu kalt und ich gehe in die Küche, wo ich mir einen heißen Kakao mache. Mit dem setze ich mich ans Fenster und beobachte, wie die Wolken am Himmel immer dunkler werden und die ersten Tropfen an meine Fensterscheiben trommeln.

 

  Ranja ist es wahrscheinlich auch zu ungemütlich geworden, denn sie hat sich wieder auf den Dachboden verkrochen. Ich höre leise Geräusche von oben und kann über sie nur den Kopf schütteln. Dort ist sie in letzter Zeit ständig. Warum sie nicht in ihrem Kinderzimmer ist, kann ich nicht sagen, aber ich vermute, dass sie dort zu sehr an Tabea erinnert wird und sie dadurch noch mehr vermisst.

 

  Deshalb bin ich wieder allein und sofort halten mich meine Gedanken wieder gefangen. Ich denke an die vergangene Zeit zurück.

 

 

 

  Drei Monate ist es her, dass Tabea mit ihrer Mutter ins Licht gegangen ist. Es war gleichzeitig so wunderschön, die Ruhe und den Frieden zu spüren, welche das Licht ausgestrahlt hat, aber auch erdrückend von dem Schmerz den Ranja durchlitten hat. Es war ihre Entscheidung und ich konnte und wollte nicht eingreifen. Sie hat ihre Gründe und sie wird sie mir irgendwann sagen. Ich hoffe es zumindest, denn die Trennung macht sie merklich verletzlicher.

 

Sandra ist wieder nach Australien. Sie konnte es nicht ertragen, durch Ranja ständig an die Zeit als Kindermädchen und dem Tod der Zwillinge erinnert zu werden. Sie spürte sie ständig um sich und konnte nicht damit umgehen. Also ging sie nach ihrer Aussage bei der Polizei zurück, dort hin, wo sie sich mittlerweile heimisch und sicher fühlt. Ebenso hat sie sich einen Freundeskreis aufgebaut, der ihr zu jeder Zeit zur Seite steht.

 

  In meinem Geschäft hat sich nicht viel geändert. Eigentlich gar nichts. Ramona, die für mich eine sehr gute Freundin geworden ist, ist so beschäftigt, dass man sie eigentlich nur früh beim Kommen und abends beim Gehen für einen Moment sieht. Unsere Gespräche sind ziemlich kurz und man redet nur noch über den Laden. Es ist eigentlich schade, denn ich mag sie immer mehr und die magische Verbindung zwischen uns wird immer stärker. Ich sollte daran wirklich etwas ändern.  Vielleicht lade ich sie am Wochenende einmal zu mir nach Hause ein. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht und so ein gemütlicher Kaffeeklatsch, bei dem nicht gerade schönen Novemberwetter, muss wieder einmal sein.

 

  Allein bin ich ja nicht. Ranja, na ja, die ist eigentlich nicht da, aber seit einem Monat wohnt Elena, mit der ich unseren kleinen Laden aufgebaut habe, bei mir. Sie hat Sandras Zimmer bezogen, womit Ranja natürlich einverstanden war und ansonsten haben wir jetzt eine ganz normale WG. Sie war richtig froh, aus ihrer alten Wohnung ausziehen zu können, denn mit den Leuten hat sie sich nicht gut verstanden. Sie haben immer darauf herumgehackt, weil sie in dem mysteriösen Geschäft arbeitet. Ebenso konnten sie nicht damit umgehen, dass Elena Karten legt und vielleicht auch mal jemanden die Zukunft voraussagt. Ich sage nur, dass Hexe die angenehmste Bezeichnung für sie war. Elena ist seitdem richtig aufgeblüht und genießt ihre neue Freiheit, die ich ihr hier im Haus gerne gebe, in vollen Zügen.

 

  Mit der Zeit hat sie sich auch daran gewöhnt, dass in unserem Laden jede Menge Geister und Seelen zu finden sind. Einzige Bedingung von ihr war, dass sie nie allein mit ihnen im Geschäft ist. Das gilt natürlich auch für mein Haus. Da hält Ranja die Geister, die nach mir suchen, auf Abstand zu Elena. Ihr Zimmer ist absolutes Tabu für Geister. Das ließ sich auch bis jetzt alles gut organisieren. Ich will sie auf keinen Fall verlieren. Ich denke auch nicht daran, wie ich das machen soll, wenn Ranja nicht mehr da ist. Noch ist sie da.

 

  Sie ist dagegen ein ganz besonderes Thema. Sie ist, nachdem wir Sandra zum Flughafen gebracht haben, noch verschlossener geworden. Ich kann mir bis heute nicht im geringsten vorstellen, wie sie sich fühlt. Sie hat ihre Zwillingsschwester gehen lassen. Wie weh muss das wohl tun? Man sollte Zwillinge nie trennen, auch nicht im Tod.

 

  Seitdem hüllt sie sich, wie schon erwähnt, in Schweigen. Sie geht mir aus dem Weg und so habe ich kaum Gelegenheit, mit ihr zu reden. Ich habe schon mehrmals versucht, wenigstens etwas zu erfahren, aber man bekommt kein Wort aus ihr heraus. Ich kann nicht sagen, ob ich oder sie mehr Angst hat, vor dem was sie mir nicht sagen will. Oder kann sie es nicht? Aber wer oder was könnte sie davon abhalten? Wer könnte mir zur Gefahr werden?

 

  Ranja ist neuerdings immer öfter mit im Laden und bringt mir Geister, die ich hinüber begleiten soll. Einige davon habe ich schon dazu gebracht, aber ich sehe darin nur den Versuch von ihr, von sich selbst abzulenken.

 

  Das gelingt ihr in gewisser Weise auch. Ich verbringe die meiste Zeit damit, mich um die Geister zu kümmern, als auf sie einzugehen. Momentan kann ich aber daran nichts ändern, denn wenn ich sie zwingen würde, was ja sowieso nicht geht, weil sie einfach verschwinden kann, könnte ich sie vielleicht schneller verlieren als mir lieb ist. Und wer beschützt mich dann, vor was oder wem auch immer?

 

  Mein Verhältnis zu Grace, meiner Großmutter, ist auch wieder so, wie vor unserer Auseinandersetzung. Der Besuch bei ihr steckte mir noch lange in den Knochen. Zu erfahren, dass Grace, Ramona und sogar Gina, meine Urgroßmutter, mir nichts über Marc, wie ich dachte meine große Liebe, und seinen Machenschaften erzählt haben, sondern einfach abgewartet haben, was sich bei mir entwickelt, hat mich erschüttert. Dazu wusste ich nie, dass Grace ein Medium ist. Warum hat sie mir das verschwiegen? Es hatte doch sowieso keine Auswirkungen auf das, was für mich vorbestimmt war. Ich kann nur froh sein, das Buch von Gina zu besitzen, denn Grace kann mir nicht helfen, das alles zu verstehen und zu meistern. Letztendlich haben wir noch einmal in Ruhe über alles geredet und ich zweifel ihre Entscheidung, mir nichts gesagt zu haben, nicht mehr an. Erfahrungen am eigenen Leib, sind eben die besten. Daraus lernt man am meisten.

 

  Eigentlich sollte ich der Erbfolge nach ein Medium sein, aber jetzt kann ich Geister sehen. Soll ich darüber glücklich sein? Wäre ich besser daran, wenn ich ein Medium, wie Grace und Ramona wäre? Diese Fragen habe ich längst für mich selbst beantwortet. Ein Medium zu sein ist genauso anstrengend, ich kann es an Ramona sehen. Sie hat manchmal sogar mehr zu tun als ich. So habe ich mich meinem Schicksal ergeben und versuche seitdem, mein Leben mit der Gabe zu bewältigen. Hilfe kann ich nur wenig erwarten, wer versteht schon mein Leben und diese Gabe.

 

 

 

  Ich schwelge in meinen Gedanken und inzwischen ist die Tasse Kakao leer. Ich räume die schmutzige Tasse in den Geschirrspüler und schaue noch einmal in den fast leeren Kühlschrank. Schnell sind einige Sachen auf einen Zettel geschrieben. Ich nehme meinen großen Einkaufskorb und mache mich auf den Weg. Nach dem Einkauf fahre noch in den Laden. Elena ist heute nicht da und ich will Ramona nicht den ganzen Tag allein lassen. So wie ich das Geschäft betrete, ist Ramona auch schon mit einem Lächeln in ihrem Zimmer verschwunden. Mehr bekomme ich wirklich in letzter Zeit nicht von ihr zu sehen. Ich schaue mich um und bemerke, dass sie schon wieder die neue Ware ordentlich eingeräumt hat. So bleibt für mich nicht viel übrig und ich mache mir einen heißen Tee zum aufwärmen, denn die feuchte Novemberkälte hat mich schon wieder eingenommen.

 

  Ich gehe mit der Tasse nach vorn und öffne die kleine Kiste, die auf dem Tresen steht. Diese hat Ramona für mich übrig gelassen, ansonsten hätte ich ja gar nichts mehr zu tun. Zum Vorschein kommen silberne Ketten und Armbänder mit kleinen Anhängern und Ringe. Alles ist mit den zwölf Sternzeichen in verschiedenen Formen graviert. Das habe ich im Internet bestellt und sie waren auch nicht zu teuer. Ganz unten im Paket finde ich den Ständer, der dazu gehört. Schnell baue ich ihn zusammen und bestücke ihn mit dem neuen Schmuck. Es ist eindeutig ein Hingucker und ich stelle ihn neben der Kasse auf. Dort fällt der Blick der Kunden automatisch darauf, wenn sie bezahlen. Vielleicht geht so auch ab und zu ein Stück davon auf Reisen.

 

  Zu dem schönen Gefühl, wieder eine gute Entscheidung für meinen Laden getroffen zu haben, mischt sich plötzlich ein Unangenehmes hinzu. Ich kann es nicht richtig deuten und suche den Laden nach Geistern ab. Aber ich finde keinen und so schwenken meine Gedanken, ohne dass ich es beeinflussen kann, zu Elena.

 

 

 

 

 

 

 

ZWEI

 

 

 

  Elena hat seit etwa zwei Monaten einen Freund. Wo sie ihn kennengelernt hat weiß ich nicht, aber so wie sie sich benimmt, erinnert sie mich an mich selbst. Sie ist genauso verliebt, wie ich es in Marc war. Es gibt da jedoch einen Unterschied, weder ich noch Ramona haben ihn schon einmal gesehen und kennen ihn nicht. Nicht einmal seinen Namen hat Elena uns verraten und so wie es scheint, hat sie auch nicht vor, mir ihn in nächster Zeit vorzustellen. Was sie davon abhält kann ich nicht sagen und hoffe nur, dass sie nicht so enttäuscht wird wie ich es damals war. Das er Elena in Schwierigkeiten bringt, kann ich und will ich mir nicht vorstellen. Das was Marc mit mir veranstaltet hat, war eine ganz andere Situation, mit einem ungeheuren Hintergrund. Etwas ärgert es mich schon, aber Ramona hat da eine Ahnung. Elena hat wahrscheinlich Angst, dass er sich mir zuwenden könnte. Ich glaube jedoch nicht daran, denn warum soll ein Mann, der sich in eine Blondine verliebt hat, einfach so auf eine Rothaarige umsteigen.

 

  Als ich das so Ramona gesagt habe, hat sie nur gelächelt und mir begreiflich gemacht, es zumindest versucht, was ich für eine Ausstrahlung habe. Meine roten Haare und die grünen Augen wirken magisch. Sie ziehen alle Blicke auf sich und manche bringen sie eben um den Verstand.

 

 

 

  Heute hat Elena frei und will mit ihrem Freund einen Ausflug machen. Wohin es gehen soll, weiß ich ebenfalls nicht. Ich gönne ihr von Herzen schöne Stunden, aber ich bin es nicht gewöhnt, dass sie mich so außen vor lässt.

 

Seit einigen Minuten kreisen meine Gedanken nur noch um sie, nicht dass ich neidisch wäre, nein, ich habe einfach ein mulmiges Gefühl. Ich schaue ständig auf mein Handy, aber sie meldet sich nicht. Ist sie wirklich so verliebt, dass sie mich ganz vergisst? Sie hält mich eigentlich immer auf dem Laufenden. Nachdem, was mir mit Marc passiert ist, haben wir abgesprochen, dass ich stets weiß wo sie ist, um notfalls eingreifen zu können.

 

  Ich suche mir krampfhaft Arbeit, um mich abzulenken, aber es will nicht funktionieren. So greife ich in die Schublade und hole meine Karten heraus. Ich versuche, mich auf sie zu konzentrieren, und lege die Karten für Elena auf dem Tresen aus. Mein Blick fliegt hektisch darüber hinweg und ich kann nichts finden, was nach irgendeiner Gefahr aussieht. Die tiefe Liebe zwischen ihnen strahlt in alle Richtungen, überschattet alles andere.

 

  „Ihr geht es gut“, sagt Ramona, die lächelnd neben mir steht.

 

  „Das glaube ich auch, und die Karten sagen auch nichts anderes, aber ich habe ein komisches Gefühl“, flüstere ich, als ob uns jemand zuhören könnte.

 

  „Lenke dich hier mit ab. Es ist wirklich gut und es kann dir vielleicht sogar helfen.“ Ramona reicht mir ein Buch und geht zurück in ihr Hinterzimmer. Woher hat sie schon wieder gewusst, dass ich mir Sorgen mache?

 

  Mein Blick huscht über das Cover und sagt mir, dass es um Nahtoderlebnisse geht. Warum gerade dieses Buch? Ich beschäftige mich doch mit denen, die schon tot sind und nicht Solche, die bloß mal kurz drüben waren.

 

  Ich bin nicht ganz davon überzeugt, dass das mir gerade jetzt helfen soll, aber ich werde mal hineinlesen. Nach ein paar Minuten schrecke ich auf, denn Ranja steht vor mir. Was will sie jetzt hier? Hat sie nicht genug mit den Geistern zu tun, um sie von mir fernzuhalten? Sie schaut mich jedoch finster und traurig zugleich an und mir stockt der Atem. Augenblicklich werde ich panisch und eine unbeschreibliche Angst macht sich in mir breit.

 

  „Du solltest mal mitkommen“, sagt sie nur kurz.

 

 „Wohin?“, piepse ich und erschrecke gleich noch einmal. Elena steht plötzlich auch mitten im Laden und ihr ganzer Körper, ihre gesamte Kleidung ist voller Blut.

 

  „Angie, er hat mich einfach versetzt“, sagt Elena und in diesem Moment schießen mir die Tränen in die Augen. Ramona steht neben mir, die das Szenario schon beobachtet hat und stützt mich, denn meine Beine wollen mich nicht mehr tragen.

 

  „Elena“, schluchze ich. Kein weiteres Wort bekomme ich heraus, denn Elenas Geist steht hier vor mir.

 

  „Warum weinst du? Er hat mich stehen lassen und nicht dich. Außerdem kennst du ihn doch gar nicht. Oder hast du dich mit ihm getroffen? Ist er deswegen nicht gekommen? Gönnst du mir etwa mein Glück nicht?“ Die Fragen sprudeln aus Elena heraus und ihre Stimme wird immer ernster und verletzter. Mir wird klar, dass sie wirklich Angst hatte, ich könnte ihr den Freund wegnehmen.

 

  „Sie weiß es nicht?“, fragt Ranja und schaut verständnislos zu mir herüber.

 

Elena dreht sich zu Ranja um und starrt sie fassungslos an.

 

  „Wieso kann ich dich auf einmal sehen?“, kreischt sie Ranja entgegen, aber diese zuckt nur mit den Schultern und sieht mich hilfesuchend an.

 

  Ich versuche, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken, aber es geht nicht. Mit aller Macht ringe ich um Luft und um Worte, kann aber keine bilden, geschweige denn kommen sie aus meinem Mund. Mein ganzer Körper zittert und ich kann es nicht verbergen.

 

  Elenas Blick huscht nervös zwischen mir, Ramona und Ranja hin und her. Eine unheimliche Stille legt sich über uns und keiner weiß, wie wir ihr sagen sollen, dass sie nicht mehr lebt. Wieso merkt sie es denn nicht selbst, dass irgendetwas nicht stimmt?

 

  Aber die Aufklärung nimmt uns jemand ab, denn auf einmal steht ein junger Mann in der Tür. Ein gutaussehender, groß gewachsener Kerl mit einem wunderschönen Lächeln, was seine Lippen umspielt.

 

  „Ist Elena noch hier? Ich bin Ralf und wir wollten uns hier vor dem Laden treffen.“ Seine kernige Stimme schwebt zu mir herüber und er erinnert mich irgendwie an Marc. In diesen Mann hätte ich mich auch verlieben können. Das hat Elena anscheinend gewusst und mir ihn deshalb noch nicht vorgestellt.

 

  Ehe ich jedoch reagieren kann, hat Elena ihn gesehen und stürmt auf ihn zu. Sie will ihm um den Hals fallen, aber sie läuft förmlich durch ihn hindurch und er merkt es nicht einmal. Nun steht sie hinter ihm und beginnt wahrscheinlich zu begreifen. Sie schaut an sich hinunter und bemerkt das viele Blut, aber sie scheint diese Situation nicht fassen zu können. Jetzt stellt sie sich neben ihn und versucht seine Hand zu nehmen, was natürlich auch nicht funktioniert. Sie lässt ihre blutverschmierten Hände sinken und schaut zu mir. Gleichzeitig sind auch in ihren Augen Tränen zu erkennen.

 

  „Sind Sie Angie?“, fragt Ralf und kommt auf mich zu.

 

  „Ja“, krächze ich.

 

  „Ist Elena hier?“ Er schaut mich verwirrt und fragend an.

 

  „Ja und nein“, nimmt mir Ramona die Antwort ab, die aber noch mehr Unverständnis hervorruft.

 

  „Angie, das kann doch nicht sein. Sag mir bitte, dass ich nicht tot bin.“ Elena steht so nahe bei mir, dass ihr kalter Atem mir ins Gesicht schlägt, während der liebliche Duft ihres Parfüms mir in die Nase steigt.

 

  „Was soll das heißen?“, will Ralf wissen, der seine Hände auf meinen Tresen abstützt, und mir ebenso nahe gekommen ist.  Seine dunklen Augen sind aufgerissen und schauen mich durchdringend an.

 

  „Es tut mir leid. Sie ist tot“, sage ich und kann die eigenen Worte selbst nicht glauben.

 

  „Wie bitte? Sagten sie nicht gerade, dass sie hier ist?“ Ralf wird ungeduldig.

 

  „Ja, bin ich. Angie sage ihm, dass ich neben ihm stehe“, fleht mich Elena an und jetzt brechen all meine Dämme. Tränen rinnen mir über das Gesicht, wie ein Wasserfall.

 

  „Was ist denn eigentlich passiert?“, will Ramona wissen.

 

  „Ich wollte ihm ein Stück entgegengehen, weil ich zu zeitig am Treffpunkt war“, beginnt Elena zu erzählen.

 

  „Sie ist da vorn über die Straße gegangen. Anscheinend hat sie ein Auto erfasst. Sie liegt noch da und die Polizei hat alles abgesperrt“, platzt Ranja dazwischen, die derweil auf der Suche nach Elenas Körper war.

 

  „Mich hat jemand überfahren?“ Elena schüttelt den Kopf. Jetzt ist ihr klar, warum sie voller Blut ist. Ich erkenne an ihrem Gesichtsausdruck, dass ihr ein Schrei des Entsetzens im Halse stecken bleibt.

 

  „Haben Sie weiter vorn auf der Straße einen Unfall bemerkt?“, frage ich Ralf mit zitternder Stimme, der sich auf einer der Stufen gesetzt hat, die hinter ins Büro führen.

 

  „Ja, ich musste einen Umweg fahren. Deshalb bin ich ja auch etwas zu spät dran.“ Seine Stimme klingt nicht mehr sicher, sondern ist jetzt etwas höher und flattert wie ein Blatt im Wind.

 

  „Elena bleib hier“, ruft Ranja plötzlich und ist im nächstem Moment zusammen mit ihr verschwunden.

 

  „Sie wird es nicht verkraften, sich so zu sehen.“ Ramona muss bei ihren Worten auch ziemlich schlucken. Sie hält mich immer noch fest und ich glaube, dass sie sich durch mich auch selbst stützt.

 

  „Du kannst wirklich Geister sehen?“, fragt mich Ralf und mich stört es nicht, dass er einfach du zu mir sagt.

 

  „Ja“, kommt nur kurz von mir.

 

  „Ich habe es ihr nicht geglaubt. Warum muss sie mir denn so zeigen, dass es die Wahrheit ist?“ Ralfs Worte klingen ironisch, jedoch kommen sie bei mir nicht so recht an.

 

  „Sie hat es nicht absichtlich gemacht“, fauche ich ihn an und er schreckt merklich zurück.

 

  „So habe ich das doch nicht gemeint. Ich habe sie geliebt. Was denkst du denn, wie ich mich fühle?“, schluchzt er und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Es ist schon komisch einen Mann weinen zu sehen, aber das zeigt mir, dass er sie wirklich liebt.

 

  „Sie sieht furchtbar aus. Der Vollidiot war viel zu schnell“, schmettert Ranja in den Raum, aber nur ich kann sie hören. Ramona drückt mich an sich, denn sie hat es von ihren Lippen abgelesen.

 

  „Wo ist sie jetzt?“, frage ich Ranja, ohne zu bemerken, wie Ralf mich ansieht. Ich rede ja einfach so in den leeren Raum hinein. Seine aufgerissenen Augen suchen den gesamten Laden ab, er findet jedoch keinen Hinweis auf die Anwesenheit eines Geistes.

 

  „Ist hier noch ein Geist?“, fragt er trotzdem erstaunlich gefasst.

 

  „Ja, meine Tochter“, platzte ich heraus und Ranjas Augen werden immer größer.

 

  „Weiß sie wo Elena ist?“, hakt er weiter nach.

 

  „Das will ich ja gerade herausbekommen“, antworte ich und schaue in das bis hinter beiden Ohren strahlende Gesicht von Ranja.

 

  „Sie wollte nach Hause. Ich glaube, sie muss das alles erst selbst begreifen“, murmelt Ranja und kann ihren Blick immer noch nicht von mir wegreißen.

 

  „Sie ist bei uns zu Hause“, gebe ich an Ralf weiter.

 

  „Und was kann ich jetzt tun?“, will er wissen.

 

  „Kennst du ihre Schwester? Sie ist die Einzige, die sie noch von ihrer Familie hat“, wende ich mich Ralf ganz zu und hoffe, er nimmt mir die schwierige Aufgabe, ihr Bescheid zu sagen, ab.

 

  „Ja, es ist eine ganz liebe, wie Elena auch“, schluchzt er und schnäuzt seine Nase. Das Elena Ralf ihrer Schwester vorgestellt hat und mir nicht, nehme ich einfach so hin. Es ist nicht mehr zu ändern und spielt ihr sogar in die Karten.

 

  „Würdest du dich bitte darum kümmern, dass sie alles erfährt? Und kannst du dich bitte um alles kümmern und mir dann sagen, wann die Beerdigung ist?“, frage ich deshalb ziemlich emotionslos. Sie sind zu zweit und ich habe wirklich keine Kraft dazu, mich um den Körper von Elena zu kümmern. Den letzten Funken brauche ich für zu Hause, dort wo Elenas Geist auf mich wartet.

 

  „Das kann ich machen. Ich werde mich bei dir melden“, schluckt er die Worte fasst hinunter, bevor sie aus seinem Mund kommen. Er steht auf, bleibt aber an der Tür noch einmal stehen. „Willst du dich nicht von ihr verabschieden?“, fragt er mich jetzt auch ohne ein Zucken im Gesicht.

 

  „Sie ist bei mir. Wann sie sich von mir verabschiedet liegt ganz allein bei ihr. Aber du könntest ihrer Schwester sagen, dass sie noch bei mir ist.“

 

  „Weiß sie, was du für eine Gabe hast?“

 

  „Wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Sie kennt mich und meine ganze Familie. Gib ihr bitte einfach meine neue Adresse, die hast du doch, oder?“

 

  „Ja, sicher. Dann werde ich mal“, spricht er ganz leise, zwinkert mir noch einmal zu und verlässt den Laden. Die Größe und Schönheit des Mannes und sein selbstbewusstes Auftreten hat sich in Luft aufgelöst. Ein zutiefst gebrochener Mann hat eben mein Geschäft verlassen.

 

  Die Tür fällt ins Schloss und ich lande auf dem Fußboden. Ramona kann mich nicht mehr halten und sinkt mit mir nach unten. Ich weiß nicht, wie lange wir uns in den Armen liegen, aber jetzt rappeln wir uns auf. Ramona hängt ein Schild in das Fenster, schließt das Geschäft ab und schleppt mich zu ihrem Auto. Ich nehme alles wie durch einen Schleier wahr und finde mich letztendlich auf meiner Couch wieder. Ich höre wie durch einen Nebel, wie Ramona mit Ranja spricht. Sie soll auf mich aufpassen, denn sie müsste einen bestimmten Tee für mich besorgen.

 

  Nach ein paar Minuten greife ich nach dem Telefon, unter dem kritischem Blick von Ranja. Als sie aber bemerkt, dass ich die Nummer von Grace wähle, greift sie nicht ein. Den Anruf hätte ich mir aber auch sparen können, denn wie ich schon vermutet habe, weiß Grace schon alles. Sie hat es in den Karten gesehen und wollte mich noch warnen, aber es war zu spät.

 

Warum habe ich es nicht gesehen? Und warum verdammt noch mal war Grace nicht schneller? Ich hätte Elena von der Straße holen können, ob sie mir geglaubt hätte oder nicht. Aber manchmal ist eben alles vorbestimmt und man kann nicht eingreifen. Aber warum gerade Elena? Meine Gedanken kreisen darum, wie ich es gespürt habe, dass etwas nicht in Ordnung war, aber meine Karten haben es mir nicht gezeigt. Oder bin ich vielleicht doch nicht so gut darin wie Grace. Egal! Es ist vorbei. Das Schicksal ist für jeden von uns vorbestimmt. Ich muss jetzt nur damit klar kommen und versuchen, Elena auf die andere Seite zu bringen.

 

  Ich falle wieder auf die Couch und meine Augen schließen sich automatisch.

 

  „Schlaf Mam, ich hab dich lieb“, höre ich aus der Ferne und mir wird schmerzlich klar, dass ich nicht nur eine gute Freundin verloren habe, woran ich zu zerbrechen drohe, denn sie ist wie eine Schwester für mich gewesen, sondern der schwerste Gang, in naher Ferne noch vor mir steht. Ranja. Ich glaube, ich kann sie nicht gehen lassen, ich habe sie nicht umsonst meine Tochter genannt. Sie ist voll in meinem Herzen eingeschlossen und es würde mich zerreißen.

 

  Momentan wird mir aber alles zu viel und so lasse ich mich in den nahenden Traum, oder Alptraum fallen.